 ihn allein lebt das wirkliche Leben, und durch ihn
allein reiht sich Moment an Moment, alles andre ist verflüchtigender Schatten,
jeder Mensch, der einen Moment in der Zeit wahr macht, ist ein großer Mensch,
und so gewaltig auch manche Erscheinungen in der Zeit sind, so kann ich sie
nicht zu den Wirklichkeiten rechnen, weil keine tiefere Erkenntnis, kein reiner
Wille den eignen Geist zu steigern sie treibt, sondern der Leidenschaft ganz
gemeine Motive. Napoleon zum Beispiel. - Doch sind solche nicht ohne Nutzen fürs
menschliche Vermögen des Geistes. Vorurteile müssen ganz gesättigt, ja gleichsam
übersättigt werden, eh sie vom Geist der Zeit ablassen. Nun! welche Vorurteile
mag wohl dieser aller Held schon erschüttert haben? - und welche wird er nicht
noch bis zum Ekel sättigen? Wie manches werden die zukünftigen Zeiten nicht mit
Abscheu ausreuten, dem sie jetzt mit leidenschaftlicher Blindheit anhängen. Oder
sollte es möglich sein, dass nach so schauderhaften Gespensterschicksalen der
Zeit nicht gegönnt sei, sich zu besinnen? - Ich zweifle nicht dran, alles nimmt
ein End, und nur was lebenweckend ist, das lebt. - Ich habe Dir genug gesagt
hierüber, Du wirst mich verstehen. Und warum sollte nicht ein jeder seine eigne
Laufbahn feierlich mit Heiligung beginnen, sich selbst als Entwicklung
betrachtend, da unser aller Ziel das Göttliche ist, wie und wodurch es auch
gefördert werde? - Ja, ich habe Dir genug gesagt, um Dir nahzulegen, dass jene
Anlagen des höheren Menschengeistes das einzige wirkliche Ziel Deiner inneren
Anschauung sein müsse, dass es Dir ganz einerlei sein müsse, ob und wiefern Dein
Vermögen zur Tätigkeit komme. Innerlich bleibt nichts ungeprüft im Menschen, was
seine höhere ideale Natur hervorbringen soll. - Denn unser Schicksal ist die
Mutter, die diese Frucht des Ideals unterm Herzen trägt. - Nehme Dir aus diesen
Zeilen alles, was Deine angehäuften Blätter berührt, beschwichtige Deine
Ängstlichkeit um mich damit. Lebe wohl und habe Dank für alle Liebe und auch den
guten Ephraim grüße in meinem Namen und schreib mir von ihm und sprich auch mit
ihm von mir.
    Deine Schwester Lulu fragte mich, ob Du wohl mit ihnen auf ein paar Monat
nach Kassel gehen werdest. Tu es doch, mir ist's, als würde eine Unterbrechung
Deines Lebens Dir jetzt recht gesund sein, obschon ich sonst nicht dafür sein
würde.
                                                                        Karoline
 
                                An die Günderode
Ich hab einmal tief aufgeatmet. Dein Brief ist da! Weißt Du, was ich getan hab?
Drei Tag hab ich mich hingelegt und mich gestreckt und geruht, als wär ich einer
schweren Arbeit los. - Ich will gewiss nie wieder so sein. Doch wer kann für
solche Gewitterluft. Über Deinen Brief will ich gar nicht mit dir sprechen
