
nannte mich gestern sein liebes Töchterchen und legte mir die Hand auf den Kopf,
wie er wegging; ich hielt so still, er strich mir über die Wangen und sagte: »Ja
so!« - Das hieß so viel: nun in dir ruht der Menschenkeim. - Er kommt zwischen
drei und fünf, da wird's schon dämmerig, wenn er geht, ich führte ihn durch den
Garten und zeigte ihm den Turm, von wo ich die Lande überseh. - »Da kann kein
Mensch hinauf wie ich, denn seht, die Leiter ist zerbrochen,« sagt ich, - und
ich hab ihm vorgetragen, wie mir's geht mit dem Generalbass, er sagt, das wär,
weil ich nicht alles zu gleicher Zeit überschaue, warum meine Begriffe stockten;
und manches, woran Menschen ihr Lebenlang kauten, das müsse von andern in einem
Blick erfasst werden, sonst ging Zeit und Müh verloren; ich sagte, mir sei bang,
so werde es mir auch ergehen. »Ich hab doch in meinem Leben noch keine kleine
Eichel gesehen, der bang war, es werde kein Baum aus ihr wachsen,« gab er zur
Antwort; und dabei legte er mir wieder die Hand auf den Kopf und sagte so
freundlich: »Jetzt haben wir die Eichel in die Erde gelegt und gedeckt, und
jetzt wollen wir sie ruhig liegen lassen und sehen, was Sonne und Regen tut.«
    - Du glaubst gar nicht, wie fabelig mich der Mann macht, zu den andern darf
ich nicht von ihm sprechen, das kannst Du wohl denken, denn sonst würde meine
Andacht mir für Verrückteit ausgelegt werden; aber die Patriarchenwürde strahlt
mich an aus ihm, und ich spreche der ganzen Welt Hohn, dass solche einfache große
und heilige Charaktere nicht Platz finden unter ihren Lappalien, und überhaupt
geh ich nach Vornehmheit, und diese hat der Mann; und seh doch nur einen
auftreten in der menschlichen Gesellschaft, ob nicht aller mühselig erzwickter
Rang ihn so des gesunden Verstandes beraubt, dass er nur als Narr sich selbst
genug zu tun glaubt. - Weise sein kann keiner, der der Narrheit eine höhere
Überzeugung opfert, denn aller Verstand deucht mir ein Spiel von Aberwitz, wenn
der heiligen Weisheit nicht alle Opfer gebracht sind. Das meine ich so: wenn
nicht alle äußeren Vorteile, Würden und Ruhm, nichts gelten vor dem inneren Ruf
zum Göttlichen. Ich bin noch jung, mir kommt es wohl noch einmal, dass mich das
Schicksal frägt, - und da werde ich des alten Handelsjuden Ephraim gedenken. - O
pfui, wer seinen Umgang wollte richten nach dem äußeren Rang, von Vorurteilen
sich wollte Fesseln lassen anlegen; und mit denen prangen! -
