 was sie sind. Und wenn Du
einen Spielkameraden fändest mit so herrlichen, großen Augen, mit so
elfenbeinerner Stirn, und er hätte solche Momente, wo die Götter aus ihm
prophezeiten, aber er wär unartig und tückisch im Spiel, er biss' Dir in die
Hand und kratzte Dich, wenn Du ihn streichelst, oder er schlüg Dich mit der
Peitsche, wolltest Du bloß ihn als einen tückischen Knaben achten und wolltest
die frühere Idee von ihm aufgeben? - So ließest Du ihn also laufen wegen einem
Rippenstoss, den er Dir gab, und wolltest von der höheren Idee nicht mehr Notiz
nehmen? - Ach, lass Deine Rippen nicht so empfindlich sein! Tut's doch Gott
nicht! - Er hält sich an das Hohe im Menschen, und alles andere ist nicht für
Gott da. - So soll auch alles nicht für Dich da sein, wie bloß das Gute, und
wenn es Dir auch gar nicht mehr aufleuchtet, so sollst Du dennoch von ihm wissen
und dran glauben. -
    Entlasse ihn nicht, liebe Günderode, kämpf Dich mit ihm durch, der die Idee
in sich trägt, die Du ihm zumutest, und die so hoch ist, dass er hinter ihr
zurückbleibt; denn die andern tragen gar keine Idee in sich, und bleiben nicht
zurück und kommen nicht vorwärts. -
    Da hab ich mich so vertieft in Gedanken, dass ich einschlief, es geschieht
mir so oft, dass ich einschlafen muss im besten Denken, wenn ich eben empfind, als
wolle ein tieferer Geist in mir wach werden, wo ich höchlich gespannt bin zu
erfahren, was sich in mir erdichten will, und statt dass es in mir erwacht, so
muss ich drüber einschlafen, als ob eine idealische Natur mir nicht wolle wissen
lassen, wie sie in mir denkt und empfindet. Es ist ein Zauberer in uns, der
sieht uns streben nach seinem Wissen, der macht all mein Streben zunichte, wenn
ich nah bin und die Offenbarung schon durchschimmern seh, so schläfert er mich
ein. - Ich lese jetzt zum zweitenmal den »Wilhelm Meister«, als ich ihn zum
erstenmal las, hatte mein Leben Mignons Tod noch nicht erreicht, ich liebte mit
ihr, wie ihr, waren die andern in der Geschichte des Buchs mir gleichgültig,
mich ergriff alles, was die Treue ihrer Liebe anging, nur in den Tod konnt ich
ihr nicht folgen. - Jetzt fühl ich, dass ich weit über diesen Tod hinaus ins
Leben gerückt bin, aber auch um vieles unbestimmter bin ich, schon so früh
drückt mich mein Alter, wenn ich hier dran denke. - Ich hab mit ihr empfunden,
ich bin mit ihr gestorben damals, und jetzt hab ich'
