 Schlaf in der Nacht
abgetrennt von allem, wieder erwache, dann stellen sich große ungeheure Fragen
vor meine Gedanken, es sind Fragen in mein Gewissen, vor dem ich verstummen muss.
- Tugenden! - Was sind die? - Denk ich doch an die letzte Zeit mit den
Emigranten bei der Grossmama, es ging alles durcheinander, es war, als ob das
Unglück vor der Tür geschehen sei mit dem Tod des Enghiens, was für bittere
Tränen vergoss der alte Choiseul mit dem Ducailas und dem Maupertuis, wie rangen
sie die Hände und riefen zu Gott um diesen jammervollen Tod, meinst Du, das habe
mir nicht einen tieferen Eindruck gemacht als alles glorreiche Durchbrausen der
Welt? - Meinst Du, ich könne je dem Unrechterliegenden mich lossagen und auch
nur in Gedanken übergehen zu dem Unrecht, das vor der Welt Recht behält, ich
fühle, es liegt größere Freiheit darin, mit dem Unterdrückten die Ketten tragen
und schmählich vergehen, als mit dem Unterdrücker sein Los teilen. Was ist mir
Talent, das seine Bahn bezeichnet mit Friedensbruch, mit Meuchelmord? - Ich
würde selbst solche Bahn durchfliegen wollen? Ja gewiss! - Ich möchte hoch bauen,
dass keiner mir nahen könnt, er müsste denn fliegen, aber nicht wie ein Raubvogel,
der die Göttin Fortuna zerfleischt, um sich satt an ihr zu fressen und sie dann
als Aas liegen lässt; - aber durch heiligen Friedensschluss, nicht durch Verrat an
ihm; durch Schutz der Kindlichen, nicht durch ihren Mord; durch freie, heilige,
unantastbare Posaunenstimme der Wahrheit, nicht, dass ich ihr die Kehle zudrücke!
- Dein Scherz erzürnt mich, ich wollte mir Gelassenheit erschreiben, aber ich
muss durchglühen. - Der da! - Eine schwindelnde Eingebildheit, ohne Scham, ohne
Gefühl? - Den Gekrönte und Ungekrönte wie Frösche umhüpfen, der von allen
Schwächen hin und her gezerrt, seine Abkunft verleugnet, sich um ein paar
silberne Sterne im Wappen streitet, alle Franzosen wahnsinnig macht, der
vergiftet, erdrosselt, erschiesst, seiner Brüder Familienbande zerreißt, für den
der Taumel des Volks sich erhält, weil ihm alle Frechheiten glücklich ablaufen,
und dann meinst Du, »ich fühle eine Neigung zu diesem Treiben!« - »Mein
aufgeregt Gefühl gehe mit mir durch,« - Du sagst alles im Scherz, es kränkt mich
doch - aber der Scherz kommt nicht aus Dir. - Du scherzest wie ein tauigter
Zweig, der mich ansprjetzt, wie das Morgenlüftchen, das mich neckt, aber nicht
mit brandigen Hadern mich andampft. - So viel prophetische Gabe kannst Du mir
zutrauen, dass es mir ahnend im Geist liegt, diese Strohflamme, so gewaltig sie
um sich griff, so schneller wird sie verflackern; bald
