 Sonne krönt.
    Geliebter Baum! Könnt ich umwandeln doch in dein sanft rauschend Laub jene
flüsternde Sprossen, die mit glänzendem Finger die Muse bricht, himmlischer
Glorie voll, die Stirn zu umflechten dem Liebling, der mit Helm und Speer oder
bogengerüstet, wo viel goldne Pfeile dahinfliegen, oder Rosse jagend oder mit
leichtem Fuß zwölfmal umrennend das Ziel oder aufleuchtend mit der Flamme des
Lieds, um sie wirbt.
    O Baum, dich umdrängt heute der Bienen Schar, sie ziehen dem Duft nach der
honigregnenden Blüte, sie sammeln ihren befruchtenden Staub und versummen die
Tagesglut in deiner Krone kühlem Rauschen. Aber dann würd in deinem Schatten
ruhen, der König ist am Mahle des Geists, und nähren würde deine Wurzel die Flut,
die den eignen Gott im Busen ihm begeistert, zu alleroberndem Triumph.
    Begegne dir nichts, was dich beleidigt, o Baum! Den keiner der Unsterblichen
umwandelt. Ich zwar träume den Frühling in deinem Schatten, und mir deucht von
Unnennbarem widerhallen zu hören rings die Wälder und die Hügel.
 
                                An die Günderode
Ich lese Deinen Brief und schäme mich vor Dir, wie Du so edel und einfach mein
verwirrtes Denken zurechtrichtest, und ich kann nicht ans Antworten denken, weil
ich so voll Unruh bin. Die Bäume kränken mich; ich kann's nicht begreifen, wie
die Grossmama sich nicht besser gewehrt hat, das ist ihre zu tiefe
Empfindlichkeit, unterdessen hat man ihren Lieblingen den Hals abgeschnitten,
man muss sich wehren für die Seinigen und dem Schlechten in den Arm greifen, der
es antastet. Alles Erhabne und Schöne ist Eigentum der Seele, die es erkennt,
und durch die Erkenntnis ist sie schutzverpflichtet. Alles ist der Teufel, es
sei denn reine freie Gewissenswahrheit, und ich weiß keine höhere Anweisung an
den Geist als: frag dich selber! Und wenn da einer nicht das Rechte findet, so
ist er ein Esel, und alles, was sich Schreckendes dem inneren Willen
entgegenwirft, das muss bekämpft und verachtet werden, er ist der Ritter, der das
Wasser des Lebens zwischen feuerspeienden Drachen und eisernen Riesen schöpft,
vor seiner Verachtung und seinem Mut werden sie ohnmächtig. In Feenmärchen ist
die heiligste Politik und auch die mächtigste; ich wollt der größte Staatsmann
werden und die ganz Welt unter meinen Fuß bringen, bloß dass die blaue Bibliothek
mein geheimer Kabinettsrat wär; und die Leut würden sich erstaunen, was ich als
für Weisheit besäss. - Der Grossmama möcht ich's sagen, sie wird es ganz gut
aufnehmen; und ich brauch sie auch nicht zu schonen. - Was ist? - Die Grossmama
hat eine tiefe Seele, - andre nennen's Empfindsamkeit, Tiefe ist allemal Gewalt,
aber sie ist gebunden und die Gewalt weiß nicht,
