 Christentum nichts mehr hören, sie sind Christen
geworden, um die Lehre Christi zu verfälschen. - Brocken hinwerfen und den
nackten Leib decken, das nennt man Werke der Barmherzigkeit - aber Christus in
die Wüste folgen und seine Weisheit lernen, das weiß keiner anzufangen. -
Bildungsflicken hängt man einem auf, mit denen man nichts anzufangen weiß, aber
die Tiefe und Gewalt eines einzigen Seelengrunds zu erforschen, da hat kein
Mensch Zeit dazu, glaubst Du denn nicht, dass ich statt dem Geschichtsgerümpel
wohl mit der größten Sammlung, mit der tiefsten Andacht hätte jenem folgen
wollen, wenn er mir gelehrt hätte, wie er andern lehren musste, um sein Leben zu
gewinnen, und wahnsinnig drüber werden musste. Wenn ich bedenk - welcher Anklang
in seiner Sprache! - Die Gedichte, die mir St. Klair von ihm vorlas - zerstreut
in einzelnen Kalendern - ach, was ist doch die Sprache für ein heilig Wesen! Er
war mit ihr verbündet, sie hat ihm ihren heimlichsten innigsten Reiz geschenkt,
nicht wie dem Goethe durch die unangetastete Innigkeit des Gefühls, sondern
durch ihren persönlichen Umgang. So wahr! Er muss die Sprache geküsst haben. - Ja
so geht's, wer mit den Göttern zu nah verkehrt, dem wenden sie's zum Elend.
    St. Klair gab mir den Ödipus, den Hölderlin aus dem Griechischen übersetzt
hat, er sagte, man könne ihn so wenig verstehen oder wolle ihn so übel
verstehen, dass man die Sprache für Spuren von Verrückteit erklärt, so wenig
verstehen die Deutschen, was ihre Sprache Herrliches hat. - Ich hab nun auf
seine Veranlassung diesen Ödipus studiert; ich sag Dir, gewiss, auf Spuren hat er
mich geleitet, nicht der Sprache, die schreitet so tönend, so alles Leiden,
jeden Gewaltausdruck in ihr Organ aufnehmend, sie und sie allein bewegt die
Seele, dass wir mit dem Ödipus klagen müssen, tief, tief. - Ja, es geht mir durch
die Seele, sie muss mittönen, wie die Sprache tönt. Aber wie mir das Schmerzliche
im Leben zu kränkend auf die Seele fällt, dass ich fühl, wie meine Natur schwach
ist, so fühl ich in diesem Miterleiden eines Vergangnen, Verlebten, was erst im
griechischen Dichter in seinen schärfsten Regungen durch den Geist zum Lichte
trat, und jetzt durch diesen schmerzlichen Übersetzer zum zweitenmal in die
Muttersprache getragen, mit Schmerzen hineingetragen - dies Heiligtum des
Wehtums, - über den Dornenpfad trug er es schmerzlich durchdrungen. Geweihtes
Blut tränkt die Spur der verletzten Seele, und stark als Held trug er es
herüber. - Und das nährt mich, stärkt mich, wenn ich abends schlafen gehe, dann
schlag ich's auf und lese es, lese hier
