 Neckereien der Erziehung, mit denen die Jugend sich oft so
schmerzlich vorarbeiten muss, hatte die Weisheit und die Liebe des Vaters sie
geschützt - es war ihr Alles klar und verständlich geblieben, was für und gegen
ihre Neigungen geschah, nichts hatte einen Dorn, einen falschen Blutstropfen
hinterlassen. Man hätte sie ohne Formen nennen können, wären edle Menschen nicht
eigentlich überall die Gesetzgeber der wahren Form, und, was in der Welt
tausendfältigem, launenhaftem Wechsel unterworfen ist, nur bei denen
unverkümmert wieder anzutreffen, welche die Ursache dazu in einer bewahrten
menschlichen Würde finden. - Kleinlich konnte sie in nichts werden, denn ihre
erwählten Helden und Heldinnen, denen sie allein glaubte, und ihr Vater, den sie
eben so fand, und Emmy, die, um wenige Jahre älter, mit ihr aufwuchs, und einen
starken, ernsten Sinn hatte, die wussten all' davon nichts. - Wie vornehm oder
gering sie war, konnte sie auch nie ganz unterscheiden, denn die Gersei's, die
vornehm sein sollten, erschienen ihr gar nicht so, weil sie unter Vornehm die
erhabenen Gestalten ihrer Bibel verstand, Beherrscher der Natur, die mit Gott
redeten, und obwohl sie nicht anzugeben wusste, warum die Gersei's ihr so
erschienen, schüttelte sie doch immer den Lockenkopf und sagte: die sind nicht
vornehm. Von dem Stande ihres Vaters hatte sie einen hohen Begriff. Die Priester
des alten Testaments, die Könige waren, die Bischöfe des Mittelalters, die
Päpste, diese Weltbeherrscher, das waren alle dieselben Priester, wie ihr Vater,
und die Schönheit, die hohe Würde des Greises, die kindliche Unschuld seiner
Sitten trug dazu bei, ihr kein höheres Ideal fürstlicher Würde geben zu können,
als sie bei ihm vorfand. - Da die Familie Gersei, gute fromme Menschen, auch
ihrerseits nie anstanden, ihn ehrerbietig zu behandeln, so fehlte ihr jeder
Maßstab für eine solche Stellung in der Welt, und sie war längst mit ihren
Gedanken einig, dass ihr Vater eigentlich das sei, was ein vornehmer Mann hieß.
    Sir Reginald Lester gehörte in der Tat einer solchen Familie an, obwohl
ihm, als jüngstem Sohn, davon kein Vorteil zugeflossen war, als unter stolzen
Ansprüchen erzogen worden zu sein, die wenig zu der Notwendigkeit passen
wollten, sich später in jeder Beschränkung des Privatlebens behelfen zu müssen.
Er hatte sich jedoch zu früh aus der Welt zurück gezogen, um nicht ihren
Widerspruch in der patriarchalischen Einsamkeit seines übrigen Lebens vergessen
zu haben. - Auch war er mit seiner Familie gänzlich zerfallen, als er, von dem
stolzen Erstgeburtsrechte aus jedem Besitze vertrieben, wenigstens versuchte,
als Mensch glücklich zu sein, und ein schönes edles Mädchen ohne Geburtsadel zum
Weibe nahm, deren
