 beiden
Geschlechtern vorführt, von denen das Weib zuerst einen Mangel, einen Stillstand
in den Gefühlen des Mannes wahrzunehmen glaubt: wenn eine Frau liebt, liebt sie
in einem fort - ein Mann tut dazwischen etwas Anderes?«
    Viktorine fuhr schnell mit beiden Händen empor. Einen Augenblick verhüllte
sie ihr Gesicht - dann war es vorüber. Die Marquise hatte indessen, von
Victorinen abgewendet, den Vorhang der Wiege etwas gelüftet. Viktorine glaubte
sich unbemerkt. - »Dies ist eine Wahrheit,« sagte die Marquise, »die, tief in
der männlichen Natur begründet, jedem Mädchen als Brautgeschenk gegeben werden
sollte; denn es ist zugleich der Schlüssel, mit dem die Zweifel zu lösen wären,
von denen wir ein weibliches Herz beschlichen sehen bei der ersten Wahrnehmung,
dass der Mann, eben wie jener große Schriftsteller sagt, dazwischen etwas Anderes
tut!«
    Mit glühendem Gesicht und einer leisen Stimme, die in Bewegung bebte, sagte
Viktorine: »nur, was dies Andere sei, ist die entscheidende Frage!«
    Die Marquise de Sevigné, die berühmt dafür war, selbst in die kleinsten
Sorgen der Kinderpflege eingeweiht zu sein, sing an das Wiegenband zu lösen.
    »Ich finde doch, meine Liebe, das Band ist zu stark angezogen; ich konnte es
nie leiden, wenn dies kleine Bettchen zu Arm- und Beinschienen wird.« Damit
beschäftigt, fuhr sie fort: »Es scheint mir überhaupt recht schwer, ein Mann zu
sein - und das Gefühl der ihnen zuerteilten, so ungleich schwierigeren Aufgabe
macht mich im Ganzen so nachsichtig gegen die große Masse unvollkommener Männer.
Unsere Natur ist mit den sittlichen Gesetzen unserer Bestimmung im Einklange.
Wenn wir diese nicht entarten lassen, sind wir Alles, was wir zu sein brauchen,
und wenn ich denke, dass uns Gott gewürdiget hat, Mütter zu werden, so könnte ich
oft trotz meiner Devotion in Versuchung kommen, uns für zu sehr bevorzugt zu
halten. Etwas wie eine Frage an Gottes Gerechtigkeit, steigt in mir auf. Unsere
Bestimmung ist so unendlich schön, so wichtig überdies! Welch ein Lebensprinzip
bürgerlicher - religiöser Existenz ist der Heerd, an dem wir die zarten Kräfte
pflegen, entwickeln und schützen, die dann sich über das Leben nach Außen
verbreiten - die es uns zu danken haben, wenn sie nicht schon im Anbeginne
verkrüpeln. Wir spielen in diesem kleineren, geschützten Kreise in Wahrheit
durch, was der Staat im Großen und in Massen darstellt. Wir halten die Fäden in
Händen, die alle Zustände leiten; schützend, sorgend, strafend und lohnend
beherrschen wir sie - der Gesammtblick, welcher alle Verhältnisse dem richtigen
Standpunkte gemäß leitet, ist die Höhenstufe, die wir erkennen lernen müssen. So
wie wir uns auf dieser
