 noch kein Verhältnis der Erde bestand, von der einen Seite
Alles zu fordern, und gleiche Forderungen an sie gestellt, für erkaltende
Gefühle des Mannes zu halten.«
    »Wenn sie nur lieben könnten!« sagte Viktorine. - »Ich denke oft, das ganze
Geheimnis liegt darin, dass die Fähigkeit zu lieben in diesen jungen Mädchen
früher zerstört wird, als das Alter sie zu diesem Gefühle beruft. Es hat keine
mehr Innerlichkeit, der Strudel der Welt treibt sie aus sich heraus; sie lernen
Alles nachmachen, was ihnen Geltung und Auszeichnung verspricht, endlich auch
liebeln, wenn ihnen der Mann, dem es gilt, eine Stellung am Hofe verheisst. Wie
sollen sie nun verheiratet nur begreifen, dass die Stellung, die sie wollten,
sie zugleich mit einem Manne verbunden, der eine Seele hat - den sie schonen,
ehren - dem sie gehorchen müssen!«
    »Es ist nicht zu leugnen,« erwiderte die Marquise, »dass diese Entartung
unser Geschlecht nicht allein verfolgt, dass allerdings selbst einer besser
vorbereiteten Frau es doch oft sehr schwer werden würde, das bei ihrem Manne zu
entdecken, was Sie eben mit Seele bezeichneten, und dass selbst, wenn sie Liebe
zu ihm zu fassen vermag, dies doch nur eine zweifelhafte Stütze ihres Glückes
wird; da - wenn die Anforderungen derselben nicht mäßig und vom Verstande
geleitet bleiben, sie leicht ihre mögliche Zufriedenheit noch mehr bedrohen,
wenn sie die erwartete Erwiderung nicht findet. Und dennoch, selbst wenn Sie
lächeln sollten - ich mache es jeder Frau zum Vorwurf, der ihr Gatte untreu
wird!«
    »Das ist mindestens Viel gesagt!« rief Viktorine, ein wenig gereizt. - Die
Marquise fuhr fort: »Es ist eine sehr verbrauchte Entschuldigung aller Frauen,
die dies erleben, dass das häusliche Beisammensein in der Ehe Verhältnisse mit
sich brächte, die Illusionen notwendig zerstören und die Gattin, gegenüber dem
Manne, in ihn verletzende und reizlose Situationen bringen müsse. Hiervon glaube
ich gerade das Gegenteil! Keine Frau hat die Mittel in Händen, einen Mann zu
fesseln, die sich mit denen einer Gattin vergleichen ließ. Aber sie muss
freilich vor allen Dingen ein Weib bleiben, eine züchtige Jungfrau in ihrem
Gemüte - den Schleier der Vesta muss die Flamme der Liebe nicht versengen.«
    »Ja, ja,« rief Viktorine warm - »das, das ist das Rechte!«
    »Ein großer Schriftsteller,« fuhr die Marquise fort - »sagt irgend wo - und
sein Ausspruch enthält eine Erfahrung, die es scheinen lassen wird, er habe zu
allen Zeiten gelebt, da er Recht haben wird, und wenn sein Enkel es hundert
Jahre nach ihm wiederholt - indem er uns zwei gleich liebende Wesen von
