 Gottes Gebot, weil Leonin mein Mann ist!«
    Wie erstaunte Lesüeur über die sichere Berechtigung, die sie zu ihren
Verhältnissen fühlte, da er der untrüglichsten Überzeugung war, wie keines der
Rechte, die sie ruhig zu besitzen glaubte, in der Welt eine Geltung haben würde,
welche sie mit Recht zu berühren fürchtete. »Gott,« rief er oft, wenn er allein
war, die Hände ringend - »wenn Leonin sie auch verliesse, wenn sie auch an ihm
den Anhalt verlöre und den Glauben - wie nur zu gewiss die Eltern gar nicht für
sie existieren!«
    Auf diesem Wege fand sich nach und nach eine natürliche Annäherung zwischen
ihm und Emmy Gray. Beide hofften Manches von einander zu erfahren, und die Sorge
um Fennimor erhob dies gegenseitige Forschen zu etwas Edlerem, als Neugierde.
    Emmy Gray lockte bald aus Lesüeur heraus, was ihre argwöhnische Seele schon
voraussetzte, und was ihm unter so entgegenkommenden Fragen unmöglich ward, zu
verbergen. Von da an hielt sie den Abgott ihres Herzens für verloren, und der
Welt nur noch bitterer grollend, schien sie sich bald der einzige sichere
Anhaltspunkt für Fennimor. Sie erfasste diese Überzeugung mit einer Energie und
einer Belebung ihres Geistes, die ihrer besonderen Befähigung trotz des Mangels
der Bildung zuzurechnen war; und wenn ihre Gemütsart nur finster und
herrschsüchtig sein konnte, trat sie doch, von einem edelen Stolze unterstützt,
würdig genug hervor.
    »Lasst Ihr noch das Wiegenlied ihrer Hoffnungen, womit sie sich jeden Abend
selbst einsingt,« - fuhr sie finster hinstarrend zu Lesüeur fort - »seht, wie
sie heiter aussieht - Nichts kann ihr mehr begegnen, glaubt sie - sie ahnt auch
nicht einmal, dass es etwas zu fürchten für sie gibt! Dass ein Mensch zu Zweien
sein kann, wie der gottlose Herr Graf, dass er hier ihr Grab ausschmücken kann
mit seinem goldnen Tand und doch ihr Herz brechen will und seinen Weltgötzen
dienen, davon weiß sie nichts! Und wer möchte es ihr sagen? Gott wird die Stunde
wissen, die sie bricht - aber auch jene mit dem schrecklichsten Fluche der
Menschheit Beladenen zu jeder Qual der Hölle verdammen wird, die Gott dem
erwachten Gewissen vorbehält!« -
    Nach der Vollendung des ersten Bildes erkrankte Lesüeur bis zum
Niederliegen. Fennimor teilte Emmy's Pflege persönlich, so viel es ihre Lage
ihr erlaubte, und rastete besonders nicht, für seine Seele zu sorgen; da die
Krankheit mit ihren trüben Schleiern und den bitteren Tropfen, die sie dem
kranken Blute beimischte, wieder nieder zu werfen schien, was Fennimor in ihm
schon aufgerichtet glaubte. Was Beide da eintauschten, war nicht von gleichem
Werte. Das Leiden machte den von der Welt und ihren egoistischen Berechtigungen
verwirrten Lesüeur rücksichtsloser
