 Vorzug, ohne Zeremonien aufgenommen worden zu
sein.«
    »Seine Majestät wollte dadurch meinen Vater ehren,« erwiderte Leonin - »ich
höre, man hält dies für einen Vorzug. Man muss erst etwas älter bei Hofe werden,
um für diese Feinheiten die rechte Würdigung zu lernen. - Es schien mir das
Einfachste, dass meinem Vater das Recht zustehe, mich zu beglaubigen.«
    »So scheint es allerdings,« lächelte Fenelon. »Es entwickeln sich leicht
kleine Unnatürlichkeiten in einem Verhältnisse, welches uns lehrt, unsere
Gefühle in eine Schranke zu verweisen, die sie kaum merklich hervortreten lässt;
aber ich denke, die Selbstbeherrschung, die notwendig dadurch bedingt wird, muss
sich zuweilen höchst heilsam bezeigen. Ich sehe hier so Manchen, dessen früheres
Leben und Treiben wohl wenig von Mäßigung irgend einer Neigung wusste, jetzt um
den Preis, seine Vorrechte am Hofe behaupten zu dürfen, die ungewohnte Mühe
übernehmen, sich einen kurzen Gehorsam gegen fremden Willen aufzuerlegen. Ein
Solcher,« fuhr er lächelnd fort, »bekommt doch eine kleine Ahnung von der
allernötigsten Tugend - der Selbstbeherrschung.«
    »Doch Sie,« sagte Leonin, »der Sie eine so einfache und großartige Idee vom
Leben erfasst haben, der Sie eilen, in der schwersten Berufstätigkeit Ihrer
Entwickelung als Mensch und Geistlicher zu leben - welche edle Verachtung muss
Sie, diesen Zeit tödtenden Zeremonien gegenüber, befallen - wie begreife ich in
diesen Sälen Ihren Entschluss, sie zu verlassen!«
    »Machen Ihnen die Dinge vor uns diesen Eindruck?« erwiderte der junge
Geistliche, mit einem leisen Anfluge von Erstaunen. - »Ich erwartete das nicht,«
setzte er nachdenkend hinzu, »und kann diese Empfindung nicht teilen. Mir
scheint, Alles erhält dadurch seinen Wert, dass es die Absicht erreicht, die ihm
zum Grunde liegt. Indem dies glänzende Schauspiel vor uns in Wahrheit die Würde
und den Glanz eines so wichtigen und erhabenen Standpunktes, wie ihn der Thron
in der menschlichen Gesellschaft einnimmt, ausdrückt - in so fern es selbst die
Geister der Menschen in eine Form fügt, die diese Wirkung bestätigen hilft,
scheint es mir eine erfüllte Idee, die der Würde nicht entbehrt.«
    »Aber,« sagte Leonin, »können Sie deshalb es von sich abhalten, mit Bedauern
sich als Individuum in eine solche Wirkung der Massen verflochten zu sehen -
ohne Möglichkeit, Ihren unbeschäftigten Geist vor Ermüdung zu schützen und,
durch Ihre Erziehung von der Bezähmung roher Neigungen abgelöst, die Anderen
noch eine geistige Beschäftigung zu gewähren vermag, zu einer wahren Maschine
herab zu sinken?«
    »Ich empfinde diese Ermüdung nicht«, erwiderte Fenelon ruhig; »ich finde
hier Genuss und bin weder gelangweilt, noch unzufrieden. Diese schören
