 die Gärten von Versailles. Die geschnittenen Bäume und Hecken
behielten Körper und gaben Schatten, obwohl vom Laube entkleidet, und der Mond
zeichnete sie auf den zierlichen Parterres der Gärten, während über die dunkeln
Bassins Schwäne segelten, als zögen sie den Sternbildern nach, die auf dem
ruhigen Spiegel vor ihnen schimmerten. - Dahinter lag das große Schloss mit
seinen vorspringenden Pavillons, mit allen Vorzügen, die der Mondschein der
Architektur verleiht, anscheinend in Stille versenkt, von keinem Lichtschimmer
mehr erhellt.
    »O,« rief Leonin, zur Ruhe gesprochen von diesem unerschütterlichen Walten
der Natur, »wie ist Dein Bereich das einzig wahre Element für eine bessere
menschliche Existenz! Wie findet man in Dir Harmonie und Gleichmaass der
gestörten Empfindung wieder - wie gibst Du uns unsern bessern Teil zurück,
wenn in dem Bereiche der Menschen Alles verdrängt und verjagt wird, was in ihre
angekünstelten Zustände störend eingreifen will! - Und doch haben sie Macht über
mich,« fuhr er schmerzlich fort »doch ward ich von ihnen verführt und trachtete
in ihnen unterzutauchen - so groß ist ihr falscher Schein!«
    »Fennimor, mein unschuldiges reines Naturkind - wie würdest Du erstaunt
Deinen Liebling anblicken und das Zeichen fühlen, das der Böse macht, um seine
Opfer wieder zu erkennen! O, sende Deine Engel,« rief er, die Hände ringend,
»damit ihre Tränen es auslöschen!«
    Er blieb so stehen, mit einem Schmerze, der größer war, als ihn dieser Abend
hatte verschulden können. Aber er strafte die Ahnung daran geknüpfter größerer
Verschuldungen für die Zukunft, und Leonin schob die Schwäche, mit der er sich
diesen Lockungen hingegeben, auf Rechnung ihrer Stärke. Er erkannte nicht, dass,
wenn er einen Charakter gehabt hätte, er ihn gerade da hätte behaupten können, wo
die verschiedensten Elemente Platz neben einander fanden. Er vergaß, dass Fenelon
in der Einsamkeit seines Studirzimmers wahrscheinlich eben so war, wie er ihn
vor dem Könige gesehen, und er hob jetzt die eitle, triviale Seite so stark
hervor, nicht allein um sich damit zu trösten, sondern, weil ihr anmassendes
Hervortreten, ihr scheinbarer Glanz ihm am schnellsten imponirt hatte; weil er
durch den Versuch, sich ihr anzuschließen, in seiner eignen Achtung verlor und
diese auf dem falschen Wege wieder zu erlangen trachtete, dass er sich das Maß
der Versuchung vergrößerte.
    Wie aber halbe Selbstgeständnisse immer einen trüben Grund zurücklassen und
die Mittel zu unserer Besserung verdecken, so fühlte Leonin auch jetzt keine
Erquickung von seinem Selbstgespräche, sondern ein Zürnen mit der Außenwelt, und
doch ein Verlangen nach äußerer Hilfe - und so entstand eine lange nicht
empfundene Sehnsucht nach Fennimor; und wenn sie dies Gefühl auch nicht auf dem
reinen Wege erreichte, der
