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Doch,« fuhr sie nach einer Pause fort, da die Gräfin im Nachdenken verblieb, -
»es geschieht wohl oft, dass auf diese Weise Menschen getrennt werden, die von
der Natur bestimmt schienen, einander anzugehören, und Frankreich vor Allen
scheint mir durch seine alten Familienverträge in dem Falle, so harte
Verhältnisse herbei zu führen. Mein Vater sagte mir oft davon - es war während
seiner Anwesenheit daselbst, denke ich, Mehreres geschehen, was ihn darauf
hinwies.«
    »Allerdings;« sagte die Gräfin, - »dies Land hat ganz die Formen behalten,
die zu einer Zeit herrschen mussten, wo es nötig schien, die entstehenden
Familien durch solche Verträge gegen Verbindungen mit dem roheren Teile des
Volkes zu schützen. Nicht, wie jetzt, war Bildung und Sitte ein Gemeingut der
Nation, sie fing erst in den Kreisen sich zu entwickeln an, die durch größeres
Grundeigentum eine gesicherte, ruhigere Existenz gewonnen, und, über die
Anstrengungen für den Erwerb des Lebens hinaus, Zeit und Gedanken für eine
höhere geistige Entwickelung behielten. Die Geistlichkeit, als Hüter des schon
vorhandenen Bildungsschatzes, wusste die Kreise, die so der höheren Sitte
empfänglicher wurden, bald zu erkennen, und sie selbst half Verträge erdenken
und stiften, welche die nötige Absicht beförderten, solche Familien unter
einander zu verbinden und durch Gesetze von dem roheren Haufen der noch unter
dieser Bildung Stehenden abzusondern. Hierdurch ward der erste zarte Keim der
Volksentwickelung geschützt und genährt; in diesen Kreisen wuchs sie auf und
erstarkte, bis sie, dieselben überschreitend, in einer rechtmäßig organischen
Entwickelung sich über die entgegen reifenden niederen Klassen ausbreitete, und
die Idee einer Bevorrechtung des Individuums nach gerade in leere Einbildung
zerfallen machte.«
    »Und dennoch hält man diese Formen fest,« sprach Elmerice, »die ihrer
früheren Bedeutung leer geworden sind; und so viel gebrochene Herzen, so viel
zerstörtes Lebensglück machte noch Niemand aufmerksam auf den wahren Inhalt
dieser alt gewordenen Verträge?«
    »Mein teures Kind,« sagte die Gräfin sanft, »wir können hier, wie überall,
den Gang beobachten, den in ihrer Entstehung wohltätige und nötige
Einrichtungen durch den Wechsel der Zeit, den sie mit bewirken halfen, erleiden.
Vielleicht sind in diesem Augenblicke nur noch Wenige in Frankreich, die im
Stande wären, unsere Unterhaltung nicht mit Staunen, vielleicht mit Unwillen zu
hören - ja, es ist noch nicht lange, dass ich selbst mich von diesen Ansichten,
mit denen ich auferzogen, beherrscht fühlte und ohne Widerrede geneigt war,
ihnen jedes Opfer zu bringen. Erfahrungen, Einsamkeit und Lektüre, gewiss aber
und vor Allem, dass ich mit vielen und ausgezeichneten Menschen lebte, die,
wenigstens nicht erstarrt in dieser Form, schon die
