 stolze und kräftige Natur gegen eine solche
Zumutung; fast zürnend blickte sie auf Umstände, die sie dazu nötigen wollten;
und wunderbar fühlte sich Leonin von dieser Forderung, die er in jedem Worte, in
jedem Blicke dieses Naturkindes erkannte, verschüchtert. Alle Rücksichten, von
denen er sich beherrscht erkennen musste, versanken vor einem Geiste, dem die
natürlichen Verhältnisse der Menschen allein eine Geltung hatten, und er fühlte
teils Scheu, ihr die Erscheinungen der Gesellschaft, wie sie ihm bekannt und
bedeutend geworden, zu schildern, teils fühlte er Zweifel, ob sie ihnen den
Einfluss zugestehen würde, da sie ihre Fassungskraft übersteigen mussten. - Aber
wir können oft nach Außen hin uns gegen das Andringen einer gefürchteten
Veränderung mit entschiedenen Worten wehren, dennoch ergreift schon die
Überzeugung, dass wir ihr nicht entrinnen können, unsere ängstlich Wache
haltenden Gedanken, und wir betreffen uns gegen unsern Willen auf kleinen
Handlungen oder Einrichtungen, die nur darauf Bezug haben können, dass wir selbst
jene gefürchtete Veränderung für unabweisbar halten und ihr instinktartig schon
entgegen kommen.
    So machte Leonin, wie Fennimor Einrichtungen und Pläne zu Beschäftigungen
und kleinen Erheiterungen im Freien, die ihre Zeit auszufüllen strebten, wobei
eine stillschweigende Anerkennung durchblickte, dass sie dann ihres Gatten
beraubt sein würde - und doch umschlichen Beide das entscheidende Wort, und
nicht selten schaffte sich Fennimor nach solchen Anregungen, die ihre Seele
beklemmten, durch ein paar angstvolle Worte Luft, die jede Andeutung verleugnen
sollten.
    Da hatte sie der Abend vor dem hohen Lesepulte gefesselt, und Fennimor las
mit langsamer Aussprache, aber richtigem Accente und dem rührend unschuldigen
Tone ihrer kindlichen Stimme, die unsterblichen Stanzen des Cid von Korneille.
Wie glühten ihre zarten Wangen, wie schön hoben sich im verwandten Gefühle der
eigenen hochherzigen Empfindungen die schön geschweiften Lippen, um den edlen
Stolz, die reine ritterliche Liebe des Helden auszudrücken, wie hätte sie lieber
selbst ihm gleich geantwortet, und wie gespannt lauschte sie der Antwort
Ximenen's, hoffend, es sage ihrem eigenen hochbegeisterten Gefühle zu, was sie
antworte.
    Wer vermöchte zu schildern, mit welchen Gefühlen Leonin, zwischen Sehen und
Hören geteilt, vor ihr saß; leise war er von ihrer Seite weggerückt, ihr fast
gegenüber, ihren vollen Anblick geniessend und sicher, dass sie in ihrer
begeisterten Hingebung an den großen Dichter und seinen Helden ihn selbst
vergessen würde.
    Die Kerzen, die über dem künstlich geschnittenen Pulte von Eichenholz in
schweren silbernen Armen ruhten, beleuchteten von oben das runde Haupt mit
seinen reichen, lichtbraunen Locken und warfen das hellste Licht auf die weiße,
zartgewölbte Stirn. - Der Schatten hätte den schönen Unterteil des Gesichts
verhüllt, wäre nicht von dem weißen Blatte des Buches, vor dem sie gebeugt saß,
ein Reflexlicht dazu aufgestiegen
