 Morgenlandes. Er sprach, was ich
längst mir zu gestehen nicht gewagt, aber von einem Dritten zu hören sehnlichst
gehofft hatte.
    Sie werden es erfahren in Ihrem späteren Leben, fuhr der Jude fort, dass
beinahe alles Verbotene das Erlaubte ist, nur hingestellt, um den Mut des
Menschen zu erproben. So war's schon zur Zeit der Schöpfung. Ohne den
berüchtigten Apfelbiss fehlte uns alle Geschichte, mindestens alle Romantik des
Lebens. Das für sündhaft Gehaltene ist das Poetische, die Schallheit der
tagesflachen Wirklichkeit Heiligende. So auch mit der Moral. Versuch' Einer
erst, diese Moralität in schönen Leichtsinn seines göttlichen Bewusstseins
einzuhüllen und mit ihr davon zu laufen; glauben Sie wohl, es erfolge irgend
eine Reue darauf? Nur die Schwäche bereut, weil sie nicht productiv ist in sich
und das Erschaffen eines Neuen weder begreifen noch ertragen kann. Wollten wir
moralisch, tugendhaft, religiös sein im strengen Sinn dieser Worte; so wäre jede
Productivität des Geistes eine Sünde, weil sie immer eng verknüpft ist mit dem
Zertreten eines Festen, Gegebenen. Jeder Fortschritt wäre dann unmoralisch, denn
in ihm liegt die Verachtung des eben Geltenden; jede neue Tat wäre eine
Lästerung der Geschichte, weil sie so frei ist, ohne Kompliment sich neben oder
über das Vorhandene zu stellen. Es dürfte überhaupt nichts Gedankliches mehr
geduldet, alles eigentlich Lebendige müsste todtgeschlagen werden, und heilig
allein, tugendhaft und religiös wäre nur der Automat und die Maschine. - Dies
führe ich nur an, um zu beweisen, dass jedes Verbot eine versteckte Aufforderung
ist, es zu übertreten. Seid mutig, keck, dreist und Niemand wagt es, Euer Tun
unmoralisch zu nennen; wollen Sie mir aber Einwürfe machen, so bin ich so frei,
Ihnen zu sagen, dass alsdann Ihre ganze Religion, das Christentum mit seinen
hundert Ablegern und Ästen, als die consequenteste Unmoralität in der
Geschichte der göttlichen Schöpfung dastehen würde, weil grade durch diese
größte Tat des Geistes alles früher für heilig Geachtete umgestossen und
vernichtet wurde. Es ist nichts leichter als dies, aber auch nichts
wahnsinniger, als ein solcher Einfall. Nur im ewigen Umsturz des als absolut
moralisch Hingestellten und von den Schergen des Verstandes, der Ortodoxie und
Bigotterie, gehüllt in die aschgraue Livree der Bornirteit, Verteidigten,
liegt die ewig wandelbare und eben nur im Wandel heilig bleibende Moralität der
Weltgeschichte.
    Diese Deduction, mit der schlauen Unbefangenheit jüdischer Skepsis
vorgetragen, entschied über mich. Mardochai dolmetschte meine Gedanken, Gefühle,
Empfindungen. Die Sinnlichkeit brach wie ein Orkan in mir an und eh' eine Stunde
verging, lag ich zum ersten Male vor dem Altar einer Gottheit, dessen Namen zur
Bezeichnung leiblicher Schönheit in allen Weltteilen bekannt ist. Vielleicht
wäre ich nicht
