 dem hat das Klosterleben doch mancherlei für sich,
z.B. ist es gar nicht zu tadeln, dass dem Weltmüden ein Asyl geboten wird, wenn
er, geschwächt vom Genuss, sich einem stillgeweihten Leben in Gott überlassen
will. Und meiner Ansicht nach kann ein Leben in Gott, ja überhaupt ein
teologisches Leben erst nach vorhergegangenem Schwelgen in allen Freuden der
Welt wahrhaft fruchtbar werden.
    Glauben Sie das wirklich? fiel ich dem Redenden mit einiger Heftigkeit in's
Wort.
    Wahrhaftig! Auch habe ich an mir selbst schon erfahren, dass Einigung des
geistigen und sinnlichen Menschen nicht denkbar, Scheidung beider aber
vernichtend ist. Sollte es da nicht weise sein, der Natur freien Lauf zu lassen
und diese geschiedenen Elemente für das Leben aufzufassen jedes zu seiner Zeit?
Namentlich hart ist mir es erschienen, dass die Kirche von dem Gottesgelehrten
eine immerwährende Enthaltsamkeit oder doch große Mäßigung fordert, die
gewöhnlich nachteilig selbst auf die freisinnige Entfaltung des Geistigen
einwirkt. Ich habe immer gefunden, dass die unbedeutendsten kirchlichen Lehrer
auch die entaltsamsten waren. Sehr natürlich! Es kann Einer leicht, was man
sagt, fromm sein, wenn keine Leidenschaft ihn verzehrt und der Leidenschaftslose
ist immer ein Simpler. Kommt es aber zufällig vor, dass ein geistig lebendiger,
gedankenreicher Mensch sich dem heilig genannten Studium hingibt, so muss er auch
dem sinnlichen Lebensreize auf irgend eine Weise den natürlichen Tribut zollen,
oder es entstehen unnatürliche Laster. Mir als Juden werden Sie es verzeihen,
wenn ich alle Klöster die versteinerte Lasterhaftigkeit der gegen den Willen der
Natur unterdrückten Sinnenlust nenne. Diese Mauern sind stumm, aber ein
geistiges Ohr kann sie seufzen hören.
    Was folgern Sie daraus? warf ich ein, denn eine bange Scheu hielt mich
zurück, das selbst zu sagen, wonach mein eigenes Leben doch verlangte.
    Folgern! lächelte Mardochai. Ich bin Arzt und verweise aus
Gewissenhaftigkeit den Menschen immer an die Natur. Was die Natur verlangt, ist,
jedem Sittengesetz oft zum Trotz, immer das Weltmoralische. Man versuche es und
zwinge ihr Fesseln auf, sie rächt sich früher oder später! Gibt es nun Satzungen
in der Welt, die Klugheit und Politik für notwendig erachteten, oder an deren
Befolgung gegenwärtig das Geschick ganzer Nationen gebunden ist - gut: so
befolge man sie als öffentlicher Mensch! Die Natur hat ihren Tempel für sich,
ihre Priester und Priesterinnen. Habt Ihr keine Scheu, dem Gesetz der Klugheit
die verborgene Sittlichkeit Eures individuellen Menschen aufzuopfern, so sehe
ich nicht ein, was Ihr anstehen wollt, im vollen Arm der Natur einen
Freudenbecher zu leeren, der Euch die Leiden und Mühen eines erkünstelten,
angelernten Lebens leichter ertragen lässt. Scheidet das Gesetz, sei's heilig
oder profan, den Menschen in zwei
