 Mardochai, als ich offen die Ursache
meines gramvollen Lebens ihm enthüllt hatte. Nichts leichter, als hier Einigung
und Befriedigung. Sie kennen gewiss die Geschichte ihrer Kirche besser, als ich,
der Jude, Sie werden auch als Protestant nicht fremd sein in der Geschichte der
katholischen Kirche. Sagen Sie mir doch offen, was Sie von den Heiligen dieses
christlichen Bekenntnisses halten?
    Die Frage war mit so liebevoller Harmlosigkeit gestellt, dass ich ohne
Argwohn meine Meinung dahin gab. Ich erklärte die gesammte Geschichte für ein
Denkmal bald aufrichtiger, bald erheuchelter Schwärmerei und bedauerte nur, dass
bei so viel Poesie, die unbestritten darin liege, so wenig Erklekliches für die
Menschheit daraus hervorgegangen sei. Wäre ich Dichter, fügte ich noch hinzu, so
würde mein tiefstes Bemühen darin bestehen, das Weltpoetische in dieser
Erscheinung menschlich zu lösen. Es gibt kein reicheres Feld, Ruhm zu ärndten,
und Großes und Bleibendes zu wirken für den Dichter, als ein Aufsuchen und
künstlerisch-poetisches Ordnen der seinen psychologischen Fäden, die verborgen
liegen in der Geschichte der Heiligen. Daraus würde eine Geschichte des
Menschenherzens sich gestalten, an der sich der sinnende Mensch eben so erfreuen
als belehren könnte.
    Darin will ich Ihnen recht geben, versetzte Mardochai, nur glaub' ich die
Heiligkeit selbst auf ganz andere Gründe zurückführen zu müssen.
    Wir standen an dem Kloster, die Sonne neigte sich dem Untergange zu, der
Rhein quoll, ein dunkelgrüner Königsmantel, aus der Schlucht des Siebengebirges
in die freie Ebene, die wie ein Untertan seinen Saum mit liebender Lippe
berührte. In der Kapelle ward die letzte Messe gesungen.
    Da drin, fuhr Mardochai fort, lebt auch noch ein Rest aussterbender
Heiligkeit. Was gibt ihnen das Vorrecht zu diesem Titel?
    Ihr Gelübde.
    Freilich! Wenn man nur nicht wüsste, warum das Gelübde dem Menschen
verbietet, sein Herz als Herz schlagen zu lassen.
    Diese Bemerkung verstehe ich nicht.
    Sonderbar! rief Mardochai, ein Teologe versteht nicht, was er selbst
beklagt! -
    Es trat eine Pause ein, ich versank über die Worte des Juden in tiefe
Gedanken. Wir hatten uns auf die Treppenstufen gesetzt, die zur Klosterkirche
führen. Vor uns lag das Siebengebirge mit den Ruinen des Drachenfels und
Godesberg. Es war ein Abend, mit Wollustreiz überströmt, und wenig geeignet für
Gespräche, wie das unsrige.
    Es muss ein eigener Kitzel sein, begann mein Begleiter, der den Geist in
gänzlicher Scheidung von aller sinnlichen Erregung Befriedigung finden lasst. Ob
nur diese Menschen keine Sinne besitzen?
    Wer weiß, erwiderte ich, welch' Unglück die Meisten zur Verläugnung
irdischer Freudigkeit getrieben haben mag!
    Ja, wer weiß es! wiederholte Mardochai und schwieg abermals. Einige Zeit
darauf fuhr er fort: Bei alle
