 Kräfte zu opfern. Anfangs
vermeinte ich noch immer, es würde sich, aller Widersprüche ungeachtet, die der
wahrhafte Mensch in mir gegen die starre Inquisitionsmiene dieser und jener
Lehre erhob, ein Weg stiller Vereinigung ausmitteln lassen, doch mein Hoffen
blieb vergeblich und erfolglos. Die Lehrer waren zu sehr befangen in
Engherzigkeit. Das, was ich das Urmenschliche nennen möchte, und was zugleich
der glänzendste Abdruck der Gottähnlichkeit in uns ist, war längst erblindet von
unablässigem Gebrauch, den die solide Gewöhnlichkeit davon gemacht hatte. Mangel
an schöpferischer Gedankentiefe und ein Hang zur Bequemlichkeit, die jedem
Gelehrten anhängt, ließ sie nicht den Zwiespalt erkennen, der zwischen dem
Gelehrten und dem Angeborenen entstehen musste. Freilich war auch die Mehrzahl
derer, an die das tote - gewöhnlich sagt man das lebendige - Wort gerichtet
ward, von zu gemeiner Konstitution, um zu erkennen, woran es gebreche. Die Masse
der Menschen, auch der gebildeten, will nichts, als sich Fremdes zu eigen
machen. So Zugeeignetes, wenn es das Aussehen geistiger Färbung hat, nennt man
Gelehrsamkeit, und wer die größten Schober davon um sich aufhäuft, erhält den
Beinamen eines tüchtigen Kopfes, eines talentvollen Menschen. O, der Schmach und
Verleumdung des Heiligsten in uns! Als ob der Esel, welcher vermöge seines
Knochenbaues im Stande ist, die größere Last zu tragen, dadurch auch befugt
werde, einer höheren Ordnung der Geschöpfe anzugehören. Wahr ist es freilich, er
bekommt weniger Püffe! -
    Mir regte diese Art, Vorgetragenes als wahr hinzunehmen oder durch öfteres
Betrachten dafür zu halten, die Galle auf, und je deutlicher ich sah, dass, wie
fast in allen Wissenschaften - die Medizin etwa ausgenommen - nur das
Mechanische als das Große und Wahre auch in der Theologie docirt, abgefragt und
geachtet werde, desto heftiger ward die Opposition dagegen in mir. Da ich keinen
fand, der mir Rede stehen wollte, meine Zweifel löste und die verzehrende Unruhe
stillte; so ging ich mit mir selbst zu Rate. In stiller Einsamkeit fand ich nun
geschieden den reinen Menschen von dem starren Theologen, und in wie fern dieser
als bevorzugter Repräsentant aller christlichen Lehrsätze betrachtet ward,
zugleich auch von dem gewöhnlichen Christen. Denn es konnte mich nicht
beruhigen, dass Reinchristliches von dem Dogmatisch-Begründeten eben so weit
abstehe, als die Sonne von der Erde.
    Ich empörte mich oft vor mir selbst, wenn ich meine gesunde Vernunft
hinableuchten ließ in diesen Wust von Satzungen, wo jede Gesundheit des Geistes
verkümmert. Ich konnte mich eines bitter-wehmütigen Lachens nicht enthalten,
wenn ich das Auge aufschlug zu dem blauen Himmelsgewölbe, das tiefsinnig wie das
niedergeschlagene Augenlid der Gottheit über mir hing, sich schämend der
Geschöpfe der Erde! - Gern wäre ich
