 viel gelästert werden,
Raimund, ehe der Tag neuer Welteiligung über unser unglückliches Jahrhundert
heraufleuchten wird. -
    Wenn ich hinausschiele durch das Fenster und die graue Masse des Domes
emporsteigen sehe in den sternenbesäten Nachthimmel; so beugt sich der
friedliche Gott meines Herzens vor dem Heiligenschreine, den sich eines großen
Mannes Begeisterung ausgemeisselt hat für seinen Gott. Dieser Bau weckt große
Gedanken; der Angstruf einer verschütteten Welt stammelt wie ein Sterbender in
mir, ich möchte gern helfen und retten in dem allgemeinen Unglück, aber die
Kraft will sich nicht erheben, weil der Einzelne in sich zu keiner
Selbstbegeisterung mehr emporwachsen kann. Diese Impotenz ist entsittlichend und
verweichlichend, weil durch sie die Männlichkeit anschwillt zur trägen,
phlegmatischen Fettmasse. Bleibt wohl noch etwas anderes übrig, als Bardeloh's
verzweifelnde Verachtung, Mardochai's auflösender Hass, des Mönches Wahnwitz,
Friedrich's Blödsinn oder Gleichmut's raffinirte Selbstentweihung? Hier liegt
der Todtschlag des Jahrhunderts, der Mord unserer Kinder, die Selbstentleibung
eines müden, lebensmattenund satten Weltteils! O mir stürzen die Tränen über
die Jammergestalt unserer Zeit, über mich, ihr unseligstes Kind, in die
überwachten Augen! -
    Es ist an der Zeit, Dir wieder ein Bruchstück aus Gleichmut's
Lebensgeschichte mitzuteilen. Anatomischer hat noch kein Gelehrter sein
Seelenleben zergliedert. Dass es mir vergönnt wäre, diese Biographie von
Religion, Cultus und kräftiger Menschlichkeit aller Welt in die tauben Ohren zu
schreien! Vielleicht lernte sie wieder hören und bekäm' ein helles Auge und
besseren Geschmack. Eine Restauration der gesunden fünf Sinne könnte ihr nur von
Nutzen sein.
   Bekenntnisse eines durch Zeit, Menschen, Lehre und Streben Irregeleiteten.
                                 (Fortsetzung.)
    »Das Verschwinden Eduard's stimmte mich anfänglich überaus lustig. Es war
mir neu, zu sehen, wie ein Mensch, hingerissen von der finsteren Macht einer
fixen Idee, die heitere Welt mit ihren spielenden Freudenklängen verlassen und
freiwillig einer funfzehnjährigen Sklaverei sich hingeben konnte, aus der die
Rückkehr zu den größten Unwahrscheinlichkeiten gehörte. Viele meiner sonstigen
Bekannten spotteten gleich mir über den bigotten Schwärmer, waren aber in's
Geheim der Meinung, der Verschwundene werde einmal unversehens in unserm
lustigen Kreise wieder erscheinen. Das Letztere traf nun zwar nicht ein, wohl
aber erhielten wir unsichere Nachrichten von Eduard, die uns seinen Eintritt in
ein Kloster sehr wahrscheinlich machten.
    Die Jugend hält sich nicht gern an Vergangenes; ihr größter Reiz liegt im
Erfassen des Augenblicks, der sie hinweghebt über Angst und Sorge des Lebens.
Nach einigen Wochen war Eduard vergessen, nur meine Wette trieb unruhig, wie ein
Nachtvogel, in düstern Träumen um meine verdämmerten Sinne.
    Die Notwendigkeit oder, wenn man lieber will, ein ironisches Pflichtgefühl,
zwang mich, dem Studium der Theologie Zeit und
