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    »Freilich,« versetzte Bardeloh, »ich sprach aber von Menschen. Ein
nichtgeborner Mensch ist Alles, ist glücklich, weil er nichts ist. Für die Tat
wird gesorgt werden.«
    »Haben Sie Hoffnung auf Erfolg?«
    »Genug.« - Der Mönch ließ seinen Gesang in diesem Augenblicke erschallen,
Bardeloh erhob die Hand. »Hören Sie's? Dort lallt die Hoffnung. Macht aus dem
alten Weltteil ein solch fideles Ungetüm und Ihr habt Alles errungen. In
geistigem Todtschlage liegt die neue Zeugung.«
    Damit verließ er mich und verschloss sich wieder in seinem Zimmer. Es nimmt
Alles mehr und mehr die Form der Zerrissenheit in ihm an. Selten gibt er einen
ganzen, ausgeborenen Gedanken, es sind bloße Gedanken-Embryone. Diese Verwüstung
seines tiefsten Lebens muss zu irgend einer gewaltigen Eruption führen. Es keucht
und tobt Alles in Bardeloh nach einer Tat, und ich glaube mich nicht zu irren,
wenn ich behaupte, dass er mit sich zu Rate geht, um diese vorzubereiten. Er
schreibt und liest viel. Oefters hört man ihn auch laut mit sich selbst reden,
namentlich des Nachts; dann dringen die Laute seiner abgerissenen Gedanken, wie
irreguläre Pulsschläge eines Fieberkranken, bis in mein entlegenes Zimmer. Eben
jetzt sitzt er noch emsig an seinem Pult. Der geheime Wandschrank steht offen,
die fahle Lampe loht empor aus dem weißen, glänzenden Schädel, und in einem
Doppelkreuz darüber senkt sich eine Menge glänzender Dolche. Schwerlich ahnt
er, dass ich ihn beobachte. Ein kleines Fenster in der Tür, die aus der Warte
nach Bardeloh's Studirzimmer führt, ist wahrscheinlich durch ein Versehen offen
geblieben. Vor ihm liegen mehrere Bücher und eine Menge Manuscripte. Alles um
ihn ist so geordnet, dass es eine künstliche Aufregung der Seele verursachen muss.
Weihrauch steigt, wie bei der Messe am Hochaltar, von einem Kohlenbecken aus der
geheimen Nische auf und bildet seltsame Formen. Aus dem mephistophelischen Zuge
um Bardeloh's Lippen lässt sich schließen, dass auch dieses nur eine Mummerei sei,
angestellt, um den Ekel an dem zu vermehren, was er nicht mit Unrecht die
verstandesschwache Nachgeburt des übercivilisirten Europa nennt. Nochmals sage
ich, wir sind Alle europamüde, Bardeloh aber ist unter den Müden der Müdeste und
darum auch der Tätigste! - Jetzt erlischt die Lampe, Richard hat seine
weltverfluchenden Studien beschlossen.
                                                            Zwei Stunden später.
    Die Säle füllen sich, die blendenden Gasflammen strömen Tageshelle weit
umher. Flüsternd schleicht das in die Seidenstoffe der Konvenienz gehüllte
Europa über das Parquett, weich und biegsam, bleich und schmiegsam wie eine
Seele, die ihre Zeugungskraft abgetödtet. O, ich könnte hier einen Vergleich
hinschreiben, der treffend wäre und zerschmetternd, wie ein
