 Ich entschloss mich
der Einladung zu folgen, sobald als möglich.
    Die Mittagszeit war bereits herangekommen, als ich den Rückweg antrat. Noch
zu wenig orientirt, verlief ich mich in dem Gewirr enger, dunkler Gassen und kam
in die Nähe eines der Klöster, die es hier gibt. Die grauen Mauern, die
schleichende Stille, die aus jedem Steine seufzt, ließ mich das alte, finstere
Gebäude eine Zeit lang betrachten. Das Leben schien ausgestorben um diese
Wohnungen des Friedens, wie die Gutmütigkeit religiös-barocker Gemüter die
Marterkammern des vom Geschick verfehmten Menschen genannt hat. Gerade über mir
in bedeutender Höhe vor einem schmalen Fenster blühte ein dürftiges Röschen, ein
Paar Vergissmeinnicht neigten die verweinten Augen schüchtern in das klare
Sonnenlicht, dunkle Winde rankte an dem Fensterstock hinan, Epheu mit dem
finsteren, scheuen Laube griff sich phantastisch herab vom verwitterten
Schieferdache und umspann zur Hälfte die enge Öffnung. Dumpfe, hohle
Todtenstimmen begannen die Hora zu singen. Dieser Jammerlaut der Entsagung klang
wie der Verzweiflungsruf und das wüste Pochen eines Lebendigbegrabenen an den
mitleidslosen Sarg. Kein lebendiges Wesen außer mir war zu erblicken; am hellen
Tage schrie im Turm die Eule. Der angeborene Abscheu gegen Klöster und Zellen
stürzte über mich, wie der Schauer eines kalten Bades; ich wollte forteilen, als
plötzlich mit humoristischem Tone in den fernen Horagesang eine schreiende,
lustige Männerstimme einfiel. Horchend blieb ich stehen. Der Ton kletterte an
den Wänden herab, ich sah hinauf nach dem Fenster - ein eingefallnes, bleiches
Mönchsgesicht leuchtete wie ein gefangener Geist durch das Gewebe des Epheu, das
die Winkelspinne der Weltgeschichte anheftet überall, wo die Dunkelheit über das
Licht triumphiren will. Anfangs konnte ich nur einzelne Worte verstehen, da aber
der singende Mönch sich selbst zu erheitern schien an seinen Versen, den
wahrscheinlichen Productionen hirnverzehrender Einsamkeit; so gestaltete sich
bald in der Wiederholung ein Ganzes aus den Bruchstücken. Ich möchte Dir gern
eine Probe dieser Klosterzellenpoesie geben, wenn ich nicht fürchten müsste, Dich
dadurch zu verwunden. Klöster sind ganz besondere Verwahrungsorte. Ich möchte
sie als die Büchsen in der Weltapoteke betrachten, in denen unter hermetischem
Verschlusse das potenzirte Gift des Geistes verwahrt wird, wenn die Heiligkeit
des reinen Menschen in ihm zu Tode gekitzelt worden ist. Doch ich bin still und
füge nur noch bei, dass der Mönch in seinem Liede weltlich frivole Ausdrücke, die
an die tiefste Gemeinheit grenzten, so barock, so furchtbar ergreifend mit den
feierlichernsten Worten der Hora und des erschütternden alten Kirchenliedes »
dies irae, dies illa« zu verschmelzen wusste, dass auch der kälteste Mensch mit
Entsetzen vor diesem Gesange zurückschaudern würde. dabei hielt er die Melodie
des angeführten Liedes mit einer wunderlichen Lustigkeit fest, was dem Ganzen
ein unaussprechlich grelles Gemisch von dämonischem Hohne
