 auch zeigen, wie er sich auch gestalten mag. Erscheine ich
unreligiös, so ist es nicht die innere Notwendigkeit, die mich dazu antreibt,
sondern eine unerklärliche Scheu vor diesem äußerlich Bindenden, die mir Herz
und Seele in einen Sklavenring zwängt. Wenn ich beten will, so brauche ich keine
Vorschriften. Die Lettern meines Gemüts sind dem Gotte verständlich, zu dem die
Begeisterung meine Worte hinweht. - Freilich ist es mir wohl bekannt, dass Ihr,
Du und deine Anhänger, immer nur behauptet, ohne Schale verderbe auch der Kern;
ich möcht' aber nur den Beweis dafür sehen. Gleichnisse führen hierbei zu keinem
Ziele, und ich bin gewiss, dass ein der Überzeugung des Individuums völlig frei
gegebener Cultus trotz seiner äußerlichen Verschiedenheit der innerlich
geeinteste sein würde. Das Herz ist sich immer gleich, und betet man bloß an,
wenn es das Bedürfnis erheischt, so gibt es auch nur eine Art der Anbetung. -
    Es kommt vielleicht sehr bald eine Zeit, wo ich Dir Ausführlicheres über
dieses Thema mitteilen kann. Durch den Kirchenbesuch zufällig darauf geführt,
kehr' ich jetzt wieder zu meiner Berichterstattung zurück. Auch ohne das
stillere Gedankenleben drang so Vieles mit wundersamer Gewalt auf mich ein, dass
ich mich veranlasst fühle, davon zu sprechen. Es geschieht nichts ohne Einfluss
auf das Ganze, und so trägt auch das kürzlich Gesehene und Erlebte bei, Dir
jenes Bild ergänzen zu helfen, zu dem sich mein kleines Leben formt im
Zusammenstossen mit dem anderer und bedeutenderer Individualitäten.
    Ich besuchte zuvörderst mehrere katholische Kirchen, unter denen ich als die
historisch merkwürdigsten nur die Peterskirche mit Ruben'schen Gemälden, die
Gereons-, Apostel- und St. Ursulakirche nenne. Letztere fesselt viele Fremde, da
in ihr die Schädel der 11,000 Jungfrauen aufbewahrt werden. Wie gewöhnlich jagte
mich von dannen, was Andere hält. Die Todtenschädel mochte ich nicht bewundern.
Ich liebe das Leben, das mir ohnehin noch zu tot ist, und Jungfrauenschädel
habe ich lieber in lebendiger Frische. Interessanter als diese Schädel war mir
daher auch eine in dunkle Seidengewänder gehüllte Gestalt, die in einer
Seitenkapelle anscheinend in Andacht versunken auf den Knieen lag. Die Welt
sprach zu lockend aus den edlen Formen, die unter der dunkeln Verhüllung
hervorschimmerten, als dass ich unbeachtet der Betenden hätte vorübergehen
können. Ein Altargemälde betrachtend war ich bemüht, den herabfallenden Schleier
mit dem Blick zu durchforschen. Dies schwierige Experiment gelang mir nur zur
Hälfte, doch glaubte ich zu bemerken, dass ein paar funkelnde, rheinische Augen
sich mehr der Außenwelt zuwendeten, als in innere Tiefen blickten. Das schlanke
Mädchen erhob sich, ein Fehltritt machte es schwanken, es wäre beinahe die
Stufen herabgefallen. Behend erfasste ich es am Arm und
