 sich bewusstlos herausgehoben auf den Gipfel der
Gesellschaftlichkeit. Der Mensch ist dem Benehmen gewichen, die Natur der
Schule!«
    Soll man nun nicht darüber trauern und ernster, als es gewöhnlich ist, in
die Zukunft blicken? Ist es die Aufgabe der Zivilisation, das Geschlecht zu
vervollkommenen, so darf in der Vervollkommnung selbst kein Rückschritt getan
werden. Lücken sind nirgends zu vermeiden, auch füllt die Lücke sich aus von
selbst. Die Geschichte handelt hier instinktartig. In unserm Leben aber gibt es
nicht bloße Lücken, hier sind tiefe Schlünde, über die man vergeblich die
cultivirte Epoche Sprünge machen heißt. Der Mensch würde es wohl versuchen, wenn
anders die Kleidung, in die er sich selbst schnürte, es nur erlauben wollte.
Oder meinen Sie etwa, dieser hehre Gott der Schöpfung werde unsere
Gesellschaftsmenschen für sein Ebenbild anerkennen? Mit Seufzen muss ich meinen
bescheidenen Zweifel in dieser Hinsicht gestehen. - Gut freilich hat man
nachgeformt, Zwirn und Steifleiwand sind nicht gespart worden, um dem Urbilde
eines Menschen analog sein nachgeahmtes auszustaffiren.
    »Und auf diese Blüte wollen Sie wirklich die schönere Zukunft der Welt
basiren?« fuhr bewegt mein Gastfreund fort. »Wollen Sie mich noch der
Unmoralität bezüchtigen, wenn ich behaupte, dieses Geschlecht sei nur zu
erretten durch gewaltsames Aufschütteln des Menschlichen, das sich in leisen
Funken noch erhalten hat zwischen den Trümmern, um die sich schmarotzend ein
unbeachtetes Verderben rankt? Um die Welt verstehen zu lernen, müssen Sie die
Meinungen zusammen sperren wie ich dort draußen. Dann erst erkennen Sie, wie
selten eine hohe Gesinnung sich findet. Nicht die Hartnäckigkeit der
verschiedensten Meinungen will ich tadeln, die farblose Charakterlosigkeit nur
erbarmt mich, die zu schwach ist, um eine Meinung öffentlich auszusprechen, wenn
der Andere ihr gegenüber mit einer heterogenen Ansicht debütirt. Dies nenne ich
unmoralisch. Zusammengetrieben durch Visitenkarten rennen jene Gebildeten hin,
wohin ich sie haben will, überall voll Heuchelei, voll Characterlosigkeit, voll
Schmeichelns und Begutachtens, und nur darin einander gleich, sich selbst mit
lächelndem Munde Buben zu schimpfen, ohne es zu bemerken. Sollte der tiefere
Denker nicht aufgefordert sein, auf ein Mittel zu sinnen, um diesen Krebsschaden
am allgemeinen Körper des großen europäischen Weltlebens operiren zu helfen, ehe
er völlig unheilbar geworden ist! Es ist hart, dass eine Welt nicht eher tot
ist, als bis auch das letzte Atom des Lebens in unsichtbaren Staub zerfällt. -
Sind Sie davon überzeugt, und wünschen Sie einen Kranken zu heilen, selbst wenn
er, dem Schwindsüchtigen ähnlich, das Umsichgreifen des Übels für Gesundheit
halten sollte, so sammeln Sie Ihre Gedanken und wagen Sie Alles daran, den
Getäuschten eine richtige Ansicht von seiner Lage beizubringen. Das ist jeder
Edle seinem irrenden Bruder schuldig.
