 die Melodie eines alten, tief ergreifenden
Kirchenliedes flog zu uns herüber, wie ein Segensruf Gottes. Da trat die Sonne
hinter den Wolken hervor, und als wolle sie alle Schmerzen stillen, allen Kummer
in Freude verwandeln, übergoss sie mit versöhnendem Strahle die Erde, so weit
unsere Blicke reichten.
    Wir schieden versöhnt mit dem Geschick, mit der Menschheit vom Vaterlande,
und wankten auf der Brigg »die Hoffnung,« geführt von Burtons erfahrener Hand,
hinaus auf die unermesslichen Meere. Der Anblick des gewaltigen Elementes erhob
unsere Gemüter; geeint in Liebe, riefen wir dem in den Wellen versinkenden
Vaterlande ein lautes, herzliches Lebewohl zu, den hohen Trost mit uns nehmend,
dass die Liebe versöhnt und der Glaube errettet, wenn sie beide das Product einer
in tiefster Brust ewig verschlossenen Wahrheit sind.
    Lebt wohl in Europa! Vom Ufer des Missisippi schreib' ich Euch wieder.
 
                                  Nachschrift.
Ehe ich diesmal von meinen Lesern Abschied nehme, habe ich ihnen noch ein Wort
zuzuflüstern. Bücher sind oft seltsamen Schicksalen unterworfen und zwar
meistenteils bloß deshalb, weil Autor und Leser auf einem ganz verschiedenen
Standpunkt der Betrachtung stehen. Kann auch die Masse der Leser, als
Repräsentant einer stimmberechtigten Gesammteit, von dem Autor verlangen, er
solle für sie schreiben und also in einer Weise, die Allen gleich leicht
verständlich, bequem und erquicklich sei; so hat doch der Autor auf der andern
Seite auch wieder höhere Zwecke zu verfolgen, wenn er überhaupt schreibt, weil
er die Weihe dazu von der Natur empfangen zu haben überzeugt ist. Hier Jedem zu
geben, was Rechtens sein mag, hat seine großen Schwierigkeiten. Ein
Schriftsteller von heut, der seine Stoffe dem unmittelbaren Leben entnehmen
will, um die Mistöne auflösen zu helfen, an denen es leider noch so reich ist,
kommt in vielfache Konflicte. Nicht nur mit sich selbst hat er zu ringen, Stoff
und Form zu berücksichtigen, ästhetischen Feinschmeckern auf die Lippen zu
sehen; auch die Freunde, die Bekannten, die sogenannten Gleichgesinnten (wiewol
es manchmal scheint, als sei dies ein leeres Wort), die Prüderie der
Gesellschaft, die Schminke der spazierengeführten Tugendhaftigkeit, die
umherstolzierende Anmassung der liberalen Quacksalber, die große Menge, gemischt
aus tausend sich widersprechenden Atomen, und endlich die Idee, diese Sonne, an
deren Strahl die Zukunft lebendig wird, soll ein Autor der Gegenwart beachten!
dabei können aber die Gedanken selbst sich verlieren, und es macht sich daher
oft nötig, aus Liebe zur Wahrheit Dies und Jenes unberücksichtigt zu lassen.
Schleicht sich darüber die Lückenhaftigkeit ein, so sei man billig und bedenke,
dass auch ein productiver Mensch doch immer nur Mensch ist und als solcher nicht
Jedermann nach dem Munde reden kann. Auch möge man noch die
