 der alte klare Geist, umwunden mit dem Dornenkranz
des Völkerschmerzes, wie früher spricht, schafft, Entsetzen erregt und zur
Bewunderung hinreisst. Nochmals muss ich es laut bekennen, ich liebe diesen
seltenen Menschen, weil mein tiefstes Gemüt sich danach sehnt, ihn hassen zu
können. So ärgert sich der gewaltige Geist über die göttliche Kraft und droht
mit seiner kleinen Faust und dem Geifer seines Mundes hinauf zum ruhigen Himmel,
weil er die Lust fühlt, Gott sein zu wollen und doch die Schwäche ahnt, die ihn
an der Verwirklichung des unerlaubten, aber doch natürlichen Gedankens
verhindert.
    Auch diesen Brief teile ich Dir mit, vielleicht spricht er eben so gewaltig
zu Deinem Herzen, wie er mich bewegt hat in Schmerz und zürnendem Grimme.
                            Mardochai an Sigismund.
    »Der Stolz meines Volkes liegt gebrochen vor meinem Auge und der Gott
Israels trauert, weil heimgegangen ist der letzte Spross aus dem Stamme Davids!
    Ich klage nicht, denn ein Mann kann sich fassen, wenn auch über ihn der
Himmel seine Flammen donnernd zusammenschlägt und unter ihm die Erde sich
bewegt, wie ein Blachfeld rollender Schädel. Noch sehe ich ja leuchten in ihren
Augenhöhlen die Pracht des jungen Morgenlandes, als leuchtende Opale wandeln mit
flimmerndem Fuß die Zaubermährchen meines Mutterlandes um die bleichen Stirnen,
und das Morgenland lebt immer, wie auch das Abendland aufschiessen möge in Blüte
und Frucht. -
    Mein Leben war der Versöhnung gewidmet, der Versöhnung, die achtzehnhundert
Jahre vergeblich zu stiften suchten zwischen Juden und Christen. Ich hielt mich
berufen, als ein Messias aufzutreten unter meinem Volke, ich bat, ich flehte,
ich dachte für sein Heil. Meine Träume klangen wie das Rasseln verrosteter
Ketten - ich suchte sie zu lösen, aber in meinem Wachen sah ich blank
geschliffene Panzer um den Leib Israels schlagen, nicht um ihn zu rüsten,
sondern zu erdrücken. Was ich darauf tat, Sie wissen es. Als ich Ihrer
ansichtig wurde, stieg die Furcht auf aus dem Boden und ringelte, eine bleiche
Schlange, sich um mein Haupt. Ich hasste Sie, weil ich Sie fürchtete; aber ich
gestand es mir selbst nicht. Ihr Umgang mit Bardeloh, noch mehr mit Gleichmut,
ließ mich eben sowohl Hoffnungen fassen, als Zweifel in mir entstehen. Die
Kälte und schneidende Schroffheit des Erstern konnte Sie abschrecken, die
ausgebrannte Ruhe des Letzteren anziehen. Ich hatte mich nicht geirrt, aber auch
nicht geglaubt, dass Gleichmut seine Geschichte Ihnen mitteilen würde. Sobald
ich dies erfuhr, reute mich, dem Pastor den tiefer liegenden Zweck meines
Wirkens nicht entdeckt zu haben. Bardeloh's wachsender Ekel an europäischer
Zivilisation bewogen mich, mit ihm zu complotiren und einen letzten,
verzweifelten Versuch zu einer gewaltsamen Aufregung eines im Ganzen schnell
erregbaren Volkes
