 der Liebe?«
    Langsam enthüllte Mardochai sein Antlitz. Das schwarze Gewand sank nieder,
wie Lavaasche, unter der hervorleuchtet der glühende Kegel eines feuerflammenden
Gebirges. Mardochai's Antlitz schien Funken zu sprühen, noch nie hatte ich die
erhabene Herrlichkeit des Zornes in so göttlicher Schönheit bewundern können.
    »Und Sie wagen es, ein solches Wort auszusprechen?« flüsterte mit
zornbewegter Zunge der geheimnisvolle Jude. »Sigismund,« fuhr er fort und stand
auf, »seht, das ist es, was mich von Euch und Eurer Religion zurückschreckt.
Wäret Ihr Christen so einig, so ganz, so im Hasse verbunden, so liebebegeistert
einig, Ihr könntet nie eine ähnliche Frage tun! Aber Ihr prahlt mehr mit dem
hohen Geschenk des erbarmenden Gottes, als Ihr es achtet. Ihr pocht auf Euer
Vorrecht, das Ihr ohne Mühe gewonnen habt durch den Zufall der Geburt, wir Juden
aber lieben und ehren unsern Glauben, obwohl er nur Schmach und Verachtung über
uns gebracht! Wer ist der Grössere?«
    »Stolz und Hartnäckigkeit ist nicht Größe,« fiel ich beschämt ein, ohne es
merken zu lassen.
    »Freilich nicht,« sagte Mardochai, »dennoch finde ich mehr Adel in diesem
Stolz, der sich stützt auf Glaubensmysterien, als in jener kleinlichen Neckerei,
die wie ein ungezogenes Kind bloß den Willen behalten will, ohne auf die
Heiligkeit der Weigerung zu achten, die uns abhält, Gebrauch zu machen von den
getanen Vorschlägen.«
    »Mardochai,« unterbrach ich den Redenden, »ich weiß Ihre Gründe zu ehren,
darum verlange ich auch von Ihnen Gerechtigkeit. Ihre Glaubensgenossen sind
größtenteils eben so blöd und kurzsichtig, als die meinigen, nur den pecuniären
Gewinn mögen sie schlauer zu handhaben verstehen. Der gemeine Jude ist
hartnäckig aus Gemeinheit, und wohl auch tief wurzelndem Hasse, wie der gemeine
Christ. Es können also bei der Emancipationsfrage nur die Edlen zu Rate gezogen
werden. Nun denn, so verlange ich von dem hochgebildeten Juden, dass er Christ
werde, um dadurch die Emancipation factisch befördern zu helfen und seine minder
gebildeten Glaubensbrüder zu ähnlichen Schritten zu veranlassen.«
    Du wirst den Kopf schütteln über diese Worte, die Du mit meinen sonstigen
Ansichten wohl schwerlich in Einklang bringen möchtest. Und daran tust Du recht.
Ich war nicht ehrlich, während ich so sprach, aber ich wollte den Juden zwingen,
sich ganz vor mir zu enthüllen, und ihn durch Opposition zu Geständnissen
bewegen, die sonst wohl schwerlich über seine Lippen gekommen wären. Meine
Absicht wurde zum größten Teile erreicht.
    »Auf diesen Vorschlag,« sprach Mardochai, »sage ich bloß, dass ich ihn
unmoralisch finde und deshalb verwerflich. Der Führer darf seine ihm anvertraute
Heerde nicht verlassen
