 wozu
zeigen Sie mir diese Schriften?« fragte ich. »Es ist allgemein bekannt, dass
nicht allein die Regierungen, sondern auch die Völker auf diese Vorschläge nicht
eingehen können.«
    »Sagen Sie lieber: nicht eingehen wollen,« erwiderte Mardochai. »Allein
davon abgesehen,« fuhr er fort, »was, glauben Sie, muss ein Volk tun, das ohne
Vaterland, ohne Staatsverfassung, zerstreut auf der ganzen Erde umherirrt, und
dem es nicht nur Sache der Existenz, sondern auch des Herzens ist, sich ein
Vaterland zu erringen, wenn ihm jeder Weg vermauert wird, der es zu einem
solchen Besitztum führen könnte?«
    »Die Antwort ist sehr einfach,« sprach ich, obwohl mit Zagen und nicht aus
voller Überzeugung, »dieser Stamm muss Teil der Völker werden durch den
Übertritt zur Religion dieser Völker.«
    »Wären Sie nicht zu verständig, um die Albernheit Ihrer Behauptung selbst
einzusehen, so würde ich Sie töricht schimpfen,« versetzte mit Lächeln der
Jude. »Angenommen indes, Ihre Äußerung sei Ihnen auch Überzeugung, so
vernehmen Sie meine Erwiderung darauf.« - Mardochai rollte die Papiere wieder
zusammen und legte sie vor sich auf eine der Kisten.
    »Ihr Christen werft den Brüdern meines Stammes vor, sie hingen zu fest und
innig an einander, um ihnen durch eine Gestattung gleicher bürgerlicher Rechte
einen Vorteil zu gewähren über die minder einige Brüderschaft der Christen.
Diese Folgerung ist richtig, doch wahrlich nicht eben sehr ehrenwert für Euch.
Spüren wir nun dem Grunde dieser Erscheinung nach, ganz unbefangen, ohne
Bitterkeit. - Der Jude ist seit Jahrhunderten gedrückt, gepeinigt, gehöhnt
worden von den Christen und hatte dieser grässlichen Qual nichts
entgegenzusetzen, als den Stolz der Ausdauer, den Mut einer erheuchelten
Demut, geschminkt mit dem Herzblut des furchtbarsten Hasses. Konsequenz ward
des Juden Religion, das Bewusstsein, listiger zu sein als menschlich, entwürdigte
ihn öffentlich vor dem Auge der Welt, ehrte ihn aber doch in der Tiefe seiner
Seele. Der Adel einer Rache, deren Ausführung abzweckt auf Befreiung aus den
himmelschreiendsten geistigen Fesseln wird nur von großen Herzen gefühlt, von
tiefen Geistern begriffen. Die Juden erduldeten Alles, um damit jene Sünde
abzubüssen, die sie meinethalben begangen haben mögen durch die Kreuzigung des
Gottmenschen. Ich will und mag darüber nicht sprechen, es sind achtzehnhundert
Jahre vergangen, und gäbe es einen Gott, der so lange strafen könnte - wahrlich,
so wie ich dies mein Kleid hier zerreisse, so vernichtete ich den Gedanken in mir
an diesen Gott! Mit den Seelenschmerzen eines Volks darf auch ein durch Irrtum
einmal verhöhnter Gott nicht Wucher treiben! -
    Sagen Sie nicht etwa, die Christen hatten den Juden irgend etwas geschenkt
für jenen Frevel
