 freue ich
mich mehr, als auf den Fastnachtsspectakel. Wol erinnere ich mich, früher einmal
als Knabe einer Firmelung beigewohnt zu haben, aber damals wusste ich weder den
tieferen Sinn dieses Sakraments zu erfassen, noch den Gedanken eine Richtung in
die Zukunft der Geschichte zu geben. Beides wird diesmal nicht schwer sein, um
so mehr, als es wohl der letzte Act kirchlicher Weihe sein möchte, dem ich in
Europa beiwohne. - Wie sonderbar mir doch bei dem Gedanken an die nahe Abreise
mein ganzes bisheriges Leben erscheint! Mir ist nicht anders, als finge ich
jetzt erst an, in die Welt zu schauen und den Tag zu begreifen mit seinen
tausend widersprechenden Wünschen. Scheiden ist schwer, ich fühl' es, und für
einen Deutschen immer ein halbes Sterben. Aber die Hoffnung hält mich aufrecht,
und aus dem Saum der Zukunft, der kaum erkennbar hereinflattert in die
Gegenwart, bilde ich für den neuen Körper meines unbekannten Lebens auch ein ihm
angemessenes Kleid zurecht. Ich will glücklich sein, wenn ich das Unglück meines
armen Mutterlandes unbehindert werde erzählen können den Völkern der Zukunft! -
                                                                 Den 31. Januar.
    Ein unerwarteter Zufall hat mich tief bewegt. Aus ihm kann ich lernen, wie
oft wir die Handlungen der Menschen falsch beurteilen, weil uns die Beweggründe
derselben nicht bekannt sind. In Ländern, wo die Einfachheit allgemeine Sitte
ist, geschieht dies freilich weniger, aber bei uns, die wir ja fast einzig und
allein nur im Künstlichen noch bestehen können, ereignet sich ein so
bedauernswerter Fall fast täglich. Darum fort, fort! Ich will nicht
verschmachten in erkältender Dämmerung, in der Atmosphäre eines gesinnungslosen
Geräusches, das man fälschlich für Leben hält! -
    Träumerisch, wie dies oft einem europäischen Menschen geschieht, war ich
hinausgegangen am Rhein. Der Wind wehte scharf von Holland herauf, Schneeflocken
schwankten zitternd und glänzend in der Luft. Der Rhein trieb einzelne dünne
Eisschollen, zum ersten Male in diesem Winter. Mein Geist war in Amerika, die
Zukunft bog sich herein in meine Brust und steckte einen schönen, warmen
Lebenshimmel über dem zusammenbrechenden alten auf. Ich hatte die Rheinbrücke
überschritten und mich in den kahlen Alleen von Bellevue verloren. Vor mir sah
ich auf einer der höher gelegenen Terrassen eine dunkle Gestalt hin und her
schwanken. Ich hielt es für Täuschung und kümmerte mich nicht weiter darum. Die
nächsten Tage ängstigten mich, Bardeloh's geheimes Walten ergriff wie
Fieberhitze mein ganzes Wesen, ich glühte, fing an murmelnd zu phantasiren und
fühlte mich recht elend. Da hörte ich einen tief gezogenen Seufzer in meiner
Nähe. Die Dunkelheit ist geneigt, durch jeden ungewohnten Laut unser
Nervensystem in eine zitternde Bewegung zu versetzen. Meine Gedanken flohen wie
schüchterne Rehe in das Dunkel
