 Volkes
gewesen? Es scheint beinahe so, und mein Argwohn, der nie viel Gutes hoffen
konnte von dieser dreitägigen Farce in der europäischen Weltgeschichte, steigert
sich, je länger ich den Geist des Volkes erforsche. Zwar lebt noch die alte
Lust, die alte Hoffnung in diesem Geschlecht, aber sie liegt verschleiert unter
einer merkwürdigen Apathie, die mir eine völlig neue Erscheinung bleibt an den
Franzosen. Eine recht eclatante Dummheit könnte sie wohl wieder zur Vernunft
bringen, oder irgend ein vielversprechender Krieg. Nur mit der Industrie allein
ist den Franzosen nicht geholfen, überhaupt dem ganzen Europa nicht. Der
europäischen Freiheit fehlt es noch immer an dem allseitig Beglückenden, doch,
hoffe ich, wird ihr auch dies mit der Zeit zu Teil. Gegenwärtig lässt sich aber
auf nichts mit Gewissheit bauen. Wer darauf warten will, kann zu Grunde gehen und
als ein gutmütiger Narr der Zeit sterben. Mir wird mächtig bange in Europa, und
ich fange an einzusehen, dass die Jugend nicht Unrecht hat, wenn sie eine
schönere Gestaltung der Zustände herbeiwünscht, oder sich offen und frei als
müde dieses Daseins erklärt. Bitter beklage ich, dass ein so mächtig schönes Land
dem Zorn, ich weiß nicht welchen Geistes, erliegen muss. Und doch kann ich immer
noch nicht an den Untergang glauben. Es ist gewiss nur eine Krisis, die
vielleicht bald vorübergeht. Dann wird sich der alte Weltteil wieder erheben in
seiner ganzen Pracht, und eine Art Instinkt lehrt mich fürchten für mein schönes
Vaterland. Denn schwerlich erhält sich Amerika's Freiheit so lange, als Europa's
Kampf um dieselbe. Und tritt irgend wie einmal ein neuer Umschwung ein, dann
erfolgt eben so schnell auch wieder eine neue Völkerwanderung. Überhaupt glaube
ich, das Wandern der Völker wird permanent werden. Sollte dies wirklich
geschehen, dann wäre aller Welt geholfen, denn nur im Wandel liegt die
unerschütterliche Stätigkeit aller Freiheit.« - - -
    So schreibt mir Burton. Ich enthalte mich aller Anmerkungen. Du magst sie
selbst machen, wenn Du glaubst, es bedürfe deren. Jedenfalls ist es interessant,
die Ansicht eines freien Amerikaners über Europa's gegenwärtige Lage und seine
etwaige Zukunft zu vernehmen. Ein Brief ist kein Buch, aber doch der
unmittelbare Abdruck eines tiefen augenblicklichen Empfindens. Und darin liegt
immer eine große Wahrheit, die man nie ganz unberücksichtigt lassen sollte. -
    Hier dauern die geheimen Machinationen fort. Ich habe es aufgegeben,
Bardeloh zu gewinnen, suche aber Rosaliens Mismut durch stäten Hinweis auf die
rettende Zukunft zu verscheuchen. Eine Art Instinkt lässt mich ein merkwürdiges
Vertrauen auf meine Worte setzen, das vielleicht nur Ergebniss der Sicherheit
ist, die sich jetzt meines nächsten Lebens bemächtigt hat. Man kann sich nie
genaue Rechenschaft ablegen
