 Betrachtung der Welt hat Bardeloh auf den Punkt
getrieben, wo er selbst des Sohnes nicht mehr schonen würde, wollte er sich ihm
- und sei es aus wahrhaftiger Güte - widersetzen. Dies muss unglücklich enden!
Denn ein solches Erfassen der Umstände ist selbst schon ein fertiges Unglück,
das nur in sich selbst hinein seine Tränen weint. Wahrhaftige Männlichkeit
vermag ich nicht zu erblicken in solchem Tun. Auch mutige Ausdauer liegt nicht
im Harren und Hoffen, wo eben jedes Hoffen ein bloßes Morden des heiligsten
Gedankenlebens ist! Darin kann ich nicht stimmen mit Bardeloh. Was er bei mir
Feigheit nennt, das halte ich für rüstige Kraft, seine Kraft aber ist krankhaft
und wird, bricht sie aus, nur verwüstend, gleich einer Pest, Alles um sie her
ergreifen. Raimund, mir graut vor dem Grimm des starken, europamüden Mannes!
                                                               Drei Tage später.
    Ein Brief des Amerikaners aus Paris meldet mir seine Zurückkunft in etwa
vierzehn Tagen. Burton hat ganz Frankreich durchstreift und sich längere Zeit an
den wichtigsten Orten aufgehalten, um die Sitten und den Willen des Volkes
kennen zu lernen. Mit großen Erwartungen trat der Mann die Reise an, und arm
daran kehrt er zurück. Burton hat sich bitter getäuscht gefunden, nur wenig
Hoffnung ist ihm geblieben. »Die Franzosen von heut,« schreibt er mir, »sind
nicht mehr die Franzosen von 1789. Der Heldenmut ist zum Speculanten geworden,
der nur nach Pfunden die Freiheit abwiegt. Das Volk scheint mir gegenwärtig sehr
erschlafft zu sein und wird es täglich mehr durch den scheinbaren Wohlstand, den
die Klugheit Philipps der Hauptstadt zu geben weiß. Jammer und Elend aber nisten
im Innern der Provinzen. Ein Anblick, wie ihn Lyon bietet, war mir neu, obwohl
ich die Welt kenne und gewohnt bin an Schreckensscenen. Das war ein schweigender
Schrecken, der mir in dieser Stadt begegnete, und ich wundere mich nur wie der
lebhafte Geist des Volks diesen Jammer so geduldig erträgt. Solche Armut ist
kein Zeichen der Freiheit, denn wo wahre Freiheit wohnt, da verhungert Niemand.-
- - Die Politik behandeln die Franzosen gegenwärtig wie eine
Boulevard-Liebschaft. Sie ist ihre Grisette, sie müssen mit ihr tändeln und
wär's auch bloß zum Zeitvertreib während des Frühstück's. Aber wohin ist der
republikanische Ernst, der in den Zeiten der Revolution mit Blitz und Donner die
Welt erschütterte? Schauspiele und Gassenemeuten, gleich dazu eingerichtet, um
sie am nächsten Tage im Guckkasten für einen lumpigen Sou dem Pöbel zu zeigen;
das sind die schmachvollen Vergnügungen der großen Nation. - O, wohin ist es
gekommen mit den blühenden Hoffnungen der Julisonne von 1830! - Oder wäre auch
dies bloß eine allgemeine St. Simonistische Liebschaft des ganzen
