 des ewigen Bergmannes um die Ruine des Domes, diese im
Entstehen zusammengebrochene Tat von sechs langen Jahrhunderten. Mein Gott, was
keuchen wir Menschen des neunzehnten Säculums denn mit der Hast der
Begehrlichkeit nach Taten? Lehrt uns denn nicht der Spukgeist der
Weltgeschichte da draußen, wohin es gekommen mit allem Überschwenglichen? Warum
klettert von Jahrhundert zu Jahrhundert der Maurer um diese verwitterten Zinnen,
wie der wimmernde Geist des ersten Baumeisters, der keine Ruhe findet im Grabe,
weil er den riesigen Wunsch nicht ausführen konnte, und er nun unvollendet
bleiben muss, bis ihn das Alter zerstört oder eine neue Erdrevolution? - Mich
dünkt wir könnten etwas lernen aus diesem Torso einer Menschentat, wir könnten
auf weise Beschränkung hingewiesen werden, wenn ein genialer Übermut uns
quälend Herz und Seele beengt! -
    Bis tief in die Nacht hinein saß ich am offenen Fenster und lüftete alle
Falten, die das Leben gebrochen hatte in mein Innerstes. Ich wollte mich bis in
die geheimsten Tiefen durchforschen, um meines eignen Selbst habhaft zu werden.
Nur den Menschen wollte ich rein behalten für mich und Alles von ihm ablösen,
was Satzungen, Lehren und Leben als störenden Rost an ihn angesetzt hatten. Mir
will es immer scheinen, als sei bloß deshalb das Glück einer erfreulichen Tat
von uns gewichen, weil wir uns an zu viel Fremdartiges hingegeben. Betrachte
diese Demut des Einzelnen wie der Gesammteit einmal recht genau und
vorurteilsfrei, Ferdinand, und frage Dich dann, wo die Wahrheit und Tugend
liegt, ob im Verschmähen des aus der Fremde Verabreichten oder im Annehmen
desselben? Wir lassen die Kraft und tauschen dafür die Fürbitte, die
Oberherrlichkeit einer demütig scheinenden Maxime ein. Wie der Indianer den Rum
ergreift, um die Freiheit seiner vollen Männlichkeit dem weißen Manne zu
überlassen, und die grünen Jagdgründe für einen seligen Rausch aufopfert; so
begeben wir uns der Selbstständigkeit und Gottähnlichkeit aus einer
misverstandenen Demut. Indem wir uns geistig für unmündig erklären, machen wir
uns selbst zu Knechten. Diese von Kindesbeinen an nachäffende Gesinnung stürzt
uns in's Unglück, schwächt die Kraft und erstickt alle Keime großer Taten. -
Ich fürchte Bardeloh hat ein wahres Wort gesprochen. Er grübelte noch, wie ich
aus dem Lichtschimmer seiner Fenster vermutete, als mich bereits Schmerz und
Unruhe antrieben, in der Vergessenheit des Schlummers einen verdienstlosen
Frieden zu suchen. -
                                                                  Den 1. August.
    Hättest Du mir auch nur scherzend zugerufen, dass sich hier die Fäden meines
Lebens in ein dunkles Gewirr zusammenflechten würden, ich hätte es lächelnd
hingenommen und wäre um so sehnsuchttrunkener fortgeeilt. Aber dem Menschen
stürzt sich meist Leben und Geschichte unaufgefordert vor die Füße, und zwingt
ihn selbst die Umrisse seiner Biographie zu schreiben oder durchzuleben, bis er
geworden, wozu er bestimmt ist in
