 aus Paris uns Oskar des
Abends viele Stunden lang vorliest. Ich kann nicht müde werden, diesen
göttlichen Menschen zu lieben, der es wagt in dem Bewusstsein seiner reinen
Tugendhaftigkeit den Schleier von dem Antlitz der Zeit zu heben und dem lebenden
Geschlecht zu zeigen, was für ein fahler Totenkopf darunter verborgen ist. Gabe
es auch nur diesen einzigen Börne in Europa, so läge in ihm schon der schlagende
Beweis, dass dieser Erdteil sehr krank sei. Börne ist nicht als Deutscher
aufzufassen, sondern als ein Product des europäischen Lebens. Und ihm zur Seite
wandeln bereits Jüngere, die freilich dem Titanen erst bis an die Knie reichen.
Solche wittere ich in manchen gegenwärtig Verfehmten, und wenn Du's nicht übel
nimmst, mein Geliebter, so behaupte ich, diese Menschen werden noch einmal hoch
verehrt werden von der Nachwelt, und zwar ihrer angeblichen Frevel halber. -
    Bitte, bitte, lies weiter und vergib meinen Ketzereien! Ich armes Ding kann
ja doch nichts tun, als die Brosamen meiner Gedanken mühsam zusammenlesen und
sie Dir zu beliebiger Verspeisung vorlegen. Einen Willen möcht' ich aber gern
haben.
    Während Oskar an seiner Brochüre über die Rechtszustände in Europa und
vorzugsweise in Deutschland arbeitet, bin ich mit der ausgelassenen,
mutwilligen Lucie beschäftigt, für mich und Dich Pflanzerkleidungen zu
verfertigen. Ach, ich freue mich wie ein Kind auf unsere amerikanische Zukunft!
Aber ich bitte Dich, Sigismund, lass nicht ab, Bardeloh zuzureden. Ohne Rosalie
und Felix kann ich mir in der neuen Welt keine Existenz denken. Ich bedarf
europäischer Gesichter, um die fremden Physiognomien erträglich zu finden. Ich
will Parallelen ziehen und vergleichen.
    Du solltest mich sehen in meinem leichten Pflanzeranzuge. Ich gehe wie ein
lustiger Bursch, der sich verwandelt hat in ein fröhliches Mädchen. Muss das eine
Lust sein, so aller Mode fremd nur seinem Behagen zu leben, und zu wissen, es
gibt keinen Zwang, so weit Dein Auge reicht, und Deine Gedanken! Die Freiheit
ist das Grösseste, was der Mensch erstreben kann! Ich will Jedem Alles vergeben,
ich will Mörder und Spötter umarmen, wenn sie nur die Freiheit ehrten und
liebten, für die Freiheit als zürnende Titanen, Blasphemien donnerten! Ich fühle
amerikanische Freiheitslust durch meine Adern sprudeln, und mein armes, kleines
Mädchenherz erhält in seiner Schüchternheit die Ahnung eines Kosmopolitismus,
den ich in Worten nicht ausdrücken kann. - - -
    Letztin kam ein Brief von Steinhuder an Lucie. Er nahm sich aus, wie eine
mit Rosmarin, Beifuss und Salbeiblättern gespickte Gans. Ein Psalmist, wenn er
sich in Buttermilch betrunken hat - falls dies möglich sein sollte - könnte
seiner Feder keinen erhabneren Schwung geben. Ein solches
Storchschnabelgeklapper von forcirtem Unsinn kann es unmöglich mehr
