
küsste mir beim Fortgehen Hand und Kleid.«
    So komme ich alle Tage in seltsamere Verwickelungen und Situationen. Sara
meine Geliebte! Gott im Himmel, das Kind verdient einen Bessern, als mich, und
doch ist es unmöglich, sie davon zurückzubringen. Ich halte es sogar für nötig,
einstweilen ganz ernstlich die Rolle des Begünstigten zu spielen, um andere
Lüsterne vor dem Unerlaubten zurückzuschrecken.
    Aus einzelnen Andeutungen vermute ich, dass Sara's Mutter eine Christin
gewesen ist. Ob diese gestorben oder von Mardochai verlassen worden sein mag,
kann ich noch nicht ermitteln. Außer dem Kreise der Wahrscheinlichkeit läge es
wohl nicht, wenn dieser raffinirte Rachegeist alle nur denkbaren Auswüchse
seines angeborenen Talentes überall hin hätte greifen lassen, um das Terrain sich
möglichst zu erweitern. Sei dem auch, wie ihm wolle, schuldlos, ein reines Kind
glücklicher Unbefangenheit, steht Sara vor meinen Augen. Sie hat ihre Mutter nie
gekannt. Friedrich, der nicht ohne Mitwissen zu sein scheint, ist vielleicht zu
bewegen, Winke über die frühern Verhältnisse Mardochai's zu geben, und könnte
dies geschehen, so ließe sich wohl auch gegen ihn machiniren, ohne mit Gewalt
seine fein geschürzten Netze zu zerreißen.
                                                               Den 17. Dezember.
    Man sollte kaum glauben, dass eine im Ganzen doch aufgeklärte Bevölkerung so
lange und hartnäckig an alten Gebräuchen fest halten könnte. Zwar liegt wenig
daran, die Kultur wird nicht niedergehalten, aber es fällt doch auf. In früherer
Zeit gab es in Köln einen ausgezeichnet fröhlichen Karneval. Große Maskenzüge
wurden angeordnet, an denen vorzüglich die Geistlichkeit, wie Du weißt, regen
Anteil nahm. Die neuere Zeit hat diese Maskenfahrten zwar vielfach verwischt,
aber doch nicht ganz zu tilgen vermocht. Mir nun gefällt dies, so wenig mein
eigener Sinn am Alten sich sättigen kann. Ein Stück romantischer Poesie aus den
Zeiten des Mittelalters greift vermittelst dieses Spieles noch herein in unser
ernüchtertes Zeitalter, und sucht man dies, wenn auch nur künstlich, fest zu
halten, so ist der Instinkt, der es tut, sogar lobend anzuerkennen. Es sollten
dergleichen Festlichkeiten heut zu Tage nur mit mehr Geist angeordnet werden, so
könnten sie sogar Form und Gestalt einer Volksbelehrung annehmen. In die bloßen
Farcen muss man jetzt Tiefe zu bringen suchen, sonst werden sie fade und
widerlich.
    Schon seit einiger Zeit spricht man von dem bevorstehenden Karneval, ohne
sich zu etwas Grossartigem zu vereinigen. Wie Alles bei uns, wird auch dies nur
stückweise betrieben und Jeder folgt seinen eigenen Eingebungen,
Privatliebhabereien und philisterhaften Albernheiten, wobei dann freilich ein
Harlekinswesen zu höchster Ergötzlichkeit des Pöbels herauskommen muss.
    Auffallend ist mir hierbei nur die große Tätigkeit Mardochai's. Läuft der
Mann von früh bis in die Nacht hinein Gass' auf
