 Weltteile mangelt, wenn mit diesem Gewinn jener große Verlust sich
einschlich in sein Leben, dass nur Gleichgiltigkeit geduldig das Elend ertragen
könne? Diese Niete aus der weltgeschichtlichen Existenz zu ziehen, bedurfte es
kaum so raffinirter Mittel. -
    Bei alle dem sehe ich die Notwendigkeit einer veränderten Stellung für
Bardeloh deutlich genug ein. Wie Cäsar von Kassius sagt: er sei gefährlich, weil
er dünn und schmächtig, und zu viel denke und grübele, so lässt sich auch von
Bardeloh Ähnliches behaupten. Du müsstest diesen Menschen sehen, um zu
begreifen, dass nie in einem Geiste mehr Göttlichkeit verloren ging an die
Versunkenheit eines Zeitalters und seiner schlaffen Genusslosigkeit, als in
diesem. Ich fürchte für Bardeloh allein, für Niemand sonst. Die Unbarmherzigkeit
des Tageslebens hat ihn bereits so gleichgültig gemacht, dass das Allgemeine nur
in so fern noch an ihn tastet, als er ein Glied der großen Kette ist, die sich
erwürgend um den Hals des Jahrhunderts legt. Bardeloh brütet über einer witzigen
Rache, fürcht' ich, die seinem Tode mit der Farbe des Pikanten zugleich den
Anschein der Kraft geben soll. Es wird aber am Ende doch eine bloße scandalöse
Rauferei, wobei die Tugend Haare lassen muss, und das Laster als lustiger, geiler
Bock über die Hecke springt, die den Paradiesesgarten umfriedet. dabei kommt im
Leben nichts heraus, und ich will vereint mit Burton Alles aufbieten, um Unheil
zu verhüten.
    Gleichmut ist nicht mehr tätig. Er kann als abgetreten vom Schauplatz
betrachtet werden. Der Schatten seines seltsamen Charakters nur ragt herein in
die Dämmerung des Werdenden und wehrt, gleich einem umgekehrten treuen Eckardt,
Jedermann ab, Teil zu nehmen an diesen aufreibenden Bestrebungen.
    Seit der Zusammenkunft mit Kasimir und Eduard bin ich ihm nicht mehr auf
offener Straße begegnet. Er arbeitet ruhig fort an der Geschichte der Heiligen
und scheint mit einiger Unruhe auf etwas Gewaltsames zu warten. Ich besuche ihn
oft. Gestern war ich des Abends bei ihm, wir sprachen von unserer bevorstehenden
Reise und ein Funke des niedergebrannten Lebensglückes glomm auf in seinem Auge.
    »Es freut mich,« sagte er matt, aber herzlich, »dass meine Lebensgeschichte
so viel zu diesem Entschlusse beigetragen hat. Darauf hoffte ich im Stillen
schon, als ich diese Bekenntnisse niederschrieb. Ich wusste zwar nicht, wer
berufen sein würde, durch diese Wunderlichkeiten gerettet zu werden, indes die
Ahnung war doch einmal da. Ein feiner Instinkt ließ es mich erraten und
Beruhigung in meinem Gedanken finden. Und so möchte ich der Vorsehung, oder mir
selbst, oder auch gar dem Juden danken für all' das frevelhafte Beginnen, dem
ich erlag. Ich sehe jetzt eine notwendige, weltgeschichtliche Konsequenz in
diesem moralischen Versumpfen, und gesetzt auch, darin läge mehr
