, dies
liebliche Geschöpf, der hiesigen Sumpfluft zum Opfer fallen zu lassen. Es ist
nicht Liebe, was ich empfinde, mein Herz gehört ganz nur der Göttin meines
Lebens, Auguste, zu eigen. Die Unschuld allein besticht mich, die
Hilfsbedürftigkeit des Weibes, die sich unmöglich an Mardochai's starker Hand
kräftig fühlen kann. Und wer soll Sara retten, wenn der Zug des Geschickes uns
fortreisst über die unermesslichen Meere? Wird Sara Christin werden, wird sie
Jüdin bleiben und einem Gatten die Hand reichen, der wohl die Aeusserlichkeit von
dem Streben Mardochai's begreift, aber nicht hineinsehen kann in den Abgrund
dieser speculirenden Seele? Hier bin ich mir unklar und weiß noch nicht, was ich
tun oder lassen soll. Indes vertraue ich abermals der Hoffnung und Auguste's
schwesterlicher Liebe. Vielleicht weiß das Gemüt des Weibes in seiner
Unmittelbarkeit eher einen Rat, als der berechnende Verstand des Mannes. -
    Oskar und Lucie glühen verlangend nach Amerika's Freiheit. Beide wollen
nicht wieder zurück nach Europa, sie gehen mit dem festen Entschluss zu Schiffe,
sich jenseits des Weltmeeres ein neues, schöneres Vaterland zu suchen. Jetzt, wo
das Unglück schnell und unvorgesehen Oskar's Seele berührt hat, steht der
kräftige Mann in ihm auf. Es ist unglaublich, wie rasch das Unglück den innern
Menschen hintreibt zu einer schönen Reife. Bisher fand ich in Oskar nur den
verliebten Jüngling, der hinschwankte zwischen Leidenschaft und einem unstäten
Wollen und Suchen. War auch sein Sinn gerichtet auf das Höhere und Zukünftige,
was verborgen nur zuweilen die prophetischen Augen aufschlägt im tobenden
Geräusch des Tages, so fehlte es ihm doch an jener Elasticität eines
unternehmenden Geistes, die allein im Stande ist, die fesselnde Schmeichelei des
Jahrhunderts an den Pranger zu stellen. Dies ist mit einem Male verschwunden,
seit die Willkür der Macht seinen persönlichen Willen berührt hat. Und daraus,
lieber Raimund, leite ich einen neuen Beweis her für die europäische
Entsittlichung. Wir sind klug genug zu begreifen, dass wir hinsiechen im
Nichtstun, in der Lauigkeit unseres Herzens, aber die Tugend ist viel zu lumpig
geworden unter den gewaltsamen Stößen, als dass sie für die Allgemeinheit sich in
Kampf und Tod stürzen könnte. Erst, wenn der Egoismus berührt wird mit
unheiligem Finger, dann weckt die kleine Beleidigung das Sittlichkeitsgefühl
auf, und die Unmoralität muss so generös sein, der Tugend die Schleppe aufzuheben
und ein Übriges zu tun für die Weltgeschichte. Bilde Dir ja nicht ein,
Raimund, dass unser Kosmopolitismus ein Verdienst sei unserer Ehrlichkeit; bei
Leibe! Es ist nur das Gewinsel des Geprügelten, der im Schmerz große
Heldentaten verspricht. O, pfui dieser Tugend! Aber wir dürfen eigentlich nicht
murren; denn eine niedergehaltene Kraft
