 aber der am wenigsten geachtete von dem
Amerikaner, weil er zu fest an seinen alten Gewohnheiten hängt. Doch wird sich
auch dies verlieren, denn wir Amerikaner sind mächtig derbe Menschen.«
    Wohl hatte Burton recht, mein eigenes Gefühl sagte mir dies, und so wenig
ich selbst ein Freund bin des überlebten Alten, diese Untugend deutscher
Tugendhaftigkeit wird auch mich nicht sogleich verlassen wollen. Doch Hoffnung,
Hoffnung ist mein Glück und dieses Glück steht so fest, als das Firmament.
                                                                 Um Mitternacht.
    So eben komme ich von einer langen Unterredung mit Burton. Ich habe meine
Zukunft erbaut an dem großen Welterzen dieses Menschen, der frei ist und
glücklich, und doch teilnehmend und empfänglich für den Schmerz Anderer. Burton
will mit Bardeloh sprechen; er ist nicht abgeneigt, selbst den wahnsinnigen
Mönch nach Amerika überzusiedeln. »Die Seelust,« sagte er, »kann ihn heilen, und
wo nicht, die Unbegreifbarkeit der großartigen Natur meines Vaterlandes.«
    Darüber kann ich nicht entscheiden, die gesunde Vernunft aber findet nichts
Unwahrscheinliches in einer solchen Behauptung. Auch Kasimir und Friedrich,
dessen Geschichte, soweit ich sie selbst kenne, der Amerikaner von mir erfuhr,
werden und begleiten. Eine mir selbst unbegreifliche Anhänglichkeit an Mardochai
ließ mich auch diesen vorschlagen. Burton stutzte, und zum ersten Male glaubte
ich eine nicht ganz menschliche Regung in ihm zu entdecken.
    »Sigismund,« erwiderte er nach kurzem Schweigen, »bestehen Sie darauf, so
will ich Ihnen nicht zuwider sein, etwas aber gebe ich Ihnen zu bedenken. So wie
Sie mir diesen außerordentlichen Mann geschildert haben, fürchte ich entweder,
dass er den Antrag höhnisch ausschlägt oder, nimmt er ihn an, die Ruhe stört, die
Gesellschaft in Gram und Angst des Kummers und alter, bitterer Erinnerungen
niederdrückt. Wofür auch Mardochai immer gehandelt haben mag, er hat mächtig
gesündigt an dem Einzelnen, um das Ganze zu sühnen. Können wir wissen, ob den
tiefwurzelnden Hass des Sturmes Toben und die leuchtende Geisterflamme des Oceans
in ihm auszubrennen im Stande sind? Ein nationaler Hass scheint mir unaustilgbar
zu sein, ein persönlicher lässt sich versöhnen. Bei Mardochai haben sich beide so
seltsam verzweigt, dass nur der Tod sühnend dazwischen treten kann. Darum,
Sigismund, rate ich nicht nur, den Juden zurückzulassen, sondern ihm auch
unsern ganzen Plan zu verschweigen. Ohnedies ist ja Ihr Freund Bardeloh noch
erst dafür zu gewinnen, was, dünkt mich, eine mächtig schwierige Aufgabe sein
wird.«
    Ein ruhiges Überlegen der Verhältnisse und des geistigen Zusammenhanges
dieser seltsamen Lebensverwickelungen, musste Burton Recht geben. Ich bin
entschlossen, gegen Mardochai ein Geheimnis daraus zu machen. Nun meldet sich
aber ein eigenes Mitgefühl in mir, das mich bedauern lässt, auch Sara
