 Erdabriss. Am Horizont, aus silbernem Nebelglanz, steigt, ein
bleicher, eingeschlummerter Geist des Krieges, der Ehrenbreitstein, und wieder
verbirgt sich stumm und schüchtern der momentan freigegebene Gedanke.
    Meine Stimmung ist bei aller Freude, die mich bewegt, eine schmerzliche. Mir
scheint, ich bin nicht der Einzige, den, verfehmt und verspottet von der
bürgerlichen Friedsamkeit, dieses Schiff beherbergt. Unter dem lustigen Zelt
treiben sich die Kinder von sechs bis sieben Nationen herum. Jedes lallt in
seinem Sprachidiom - ein buntes Allerlei des Gedankenausdrucks - und Alle sind
vielleicht gerade jetzt glücklich, nicht weil der Augenblick gekommen, wo die
verschiedenartigsten Wünsche sich erfüllen, sondern weil die Außenwelt mit dem
Friedensblick ihrer Reize den Schmerz in der Tiefe schweigen lässt. - Und dennoch
bin ich unter diesen etwa hundert Menschen, die zugleich mit mir von Mainz
absegelten, ein paar Gesichtern begegnet, die, wie der Abgrund einer versunkenen
Welt, geisterhaft mich anstarrten. Hier nun löse ich mein Dir gegebenes Wort,
auch auf die Gefahr hin, von Dir missverstanden oder als ein abenteuernder
Sonderling verlacht und bemitleidet zu werden. -
    Auf Reisen wird man schnell mit einander bekannt. Die Barrieren der
Etiquette und lächerlicher Konvenienz sinken zusammen, sobald wir den
barkettirten Salon mit der Heerstraße vertauschen. Man sucht sich, weil Reisende
in irgend einer Weise immer mit einander sympatisieren. Meine unglückselige
Neigung, mich abzusondern, wenn der Strom freier Weltbewegung seine Wellen um
mich peitscht, ist Dir bekannt. Eben so gut weißt Du, dass nicht in
aristokratischem Stolze die Ursache dieses Vereinsamens liegt, sondern ganz
allein in dem Ekel, immer und immer nur dem Gewöhnlichen wieder zu begegnen. So
kommt es, dass ich mich suchen lasse, oder in stiller Beobachtung mir wenigstens
erst aus der Ferne Denjenigen herauslese, an den mich ein etwaiges Interesse
fesseln kann. -
    Der Morgen war heiter, der Rheingau, im Schmuck der Frühlingszier, breitete
sich längs dem mächtigen Strome hin aus. Links dunkelte der Niederwald und barg
in seine historischen Schatten die versunkene Größe Karls des Großen, der fast
zur Fabel geworden ist wie sein Prachtpalast zu Niederingelheim, von dem man
auch vergebens eine Spur sucht. O, wenn ich zurücksehe in dieses Chaos todter
und begrabener Jahrhunderte, dann bricht erst recht mit vernichtender Gewalt ein
lauter Hohn in mir aus, der Alles verspotten möchte, was je geschehen ist auf
Erden! Dann könnte ich nicht etwa vor Schmerz, sondern vor bitterer, blutiger
Wut Tränen vergießen über die Narretei der Welt, zu deren winzigem Komplement
auch ich gehöre. Da seufze, ringe und rase ich nur nach einer Tat, dem
Einzigen, was der Zeit not tut; und ein Blick auf die Geschichte, die mit
gebrochenem Auge um uns den
