 Handeln
übereilen. Ist doch ohnehin Alles bereits so weit zum Abgrunde hingerissen, dass
es jetzt wahrlich nicht auf ein Dutzend Elendigkeiten mehr oder weniger viel
ankommt! Dem Juden kann ich nicht zürnen, so entsetzlich er mir auch ist. Sein
Zweck ist vielleicht eben so edel, als der meinige, aber diese Zerklüftung des
Menschen und der Secten nötigen ihn, zu Mitteln seine Zuflucht zu nehmen, die
vielleicht in der schöpferischen Begeisterung eines Gottes noch als Frevel
erschienen.
    Sara war nirgends zu entdecken, dagegen leuchteten die Fenster Auguste's so
liebelockend und sehnsuchtswarm, dass ich nach langer Entsagung wieder einmal
ganz dem ungebundesten Glück anzugehören für ein notwendiges Opfer meiner Natur
hielt. Klapperbein, schon gewohnt an mein unvorhergesehenes Kommen und Gehen,
wird nach und nach gefüger. Der alte Narr macht mir Spaß, und wollen wir beide
recht kindlich glücklich sein, so muss sich der alte Ephraim zu uns setzen und
Sagen und Schnurren erzählen. Darin ist er denn Meister, immer vergnügt,
sangeslustig und weinselig von früh bis in die Nacht hinein. Erst, wenn man eine
so kernfrische Natur sieht bei der Bleichsucht, die unser ganzes Geschlecht
ergriffen hat, fühlt man, wie unendlich tief uns diese künstlichen Lebensmaximen
herabgestossen haben von der reinen unverfälschten Menschlichkeit; und immer
heißt der Refrain all' meines Wünschens und Denkens: Wiedereinsetzung der Natur
in ihre Rechte, oder Auswanderung dahin, wo sie noch tront, und lebt und
schafft in ihrer ganzen, ungeschwächten, heiligen Kraft! Wüsste ich nur, wie man
schnell diesem so lebenbedürftigen Europa das Nötige wieder geben könnte! Aber
hier sind wir Alle mit unserer Weisheit zu Ende, und nur die Geschichte kann
retten und erlösen, was der Misbrauch derselben auf das Rad der Schmach und des
Entsetzens geflochten hat. -
                                                                    Im November.
    Das Kirmesfest in Deuz führte in den jüngst vergangenen Tagen eine große
Anzahl Fremder daselbst zusammen. Nicht allein die Bewohner Köln's wallfahrteten
hinüber nach den öffentlichen Vergnügungsorten, auch die nahe gelegenen
Ortschaften entsandten eine Menge fröhlicher Menschen zu dem heiteren
Volksjubel. Die Tage waren warm und sonnig. Der Herbst schien in einem kurzen
Spätsommer nochmals aufleben zu wollen.
    Ich hatte viel reden hören von den bei dieser Festlichkeit gewöhnlichen
Volksbelustigungen, und fand mich deshalb bei guter Zeit an Ort und Stelle ein.
Felix begleitete mich, er war froh einmal aus der gewitterschwülen Atmosphäre
des väterlichen Hauses in die freie Luft heraustreten zu können. Unterwegs
begegnete uns Mardochai mit seiner Tochter, die außer dem Hause die
Liebhabereien des Vaters dem Modegeschmacke zum Opfer bringt. Seit unserm
feindlichen Zusammentreffen hält mich ein unheimliches Gefühl ab, in engerem
Verkehr mit Mardochai zu leben. Wir gingen daher ruhig grüßend an einander
vorüber, nur Sara wechselte ein paar bedeutungsvollere Blicke mit mir
