 Theorie in die Praxis zu übersetzen, ja ein Narr war so
begeistert von den witzigen Einfällen, womit einige gutmütige Schwachköpfe vor
vielen hundert Jahren einmal die Weltgeschichte ergötzten, dass er augenblicklich
beschloss, ein Märtyrer zu werden.
    Dies Alles gehört indes wenig zu dem, was ich Ihnen mitzuteilen habe. Eng
an mich und Gleichmut drängte sich Friedrich und ein gewisser Kasimir, der seit
langer Zeit verschollen ist. Friedrich war mir nächst Gleichmut der
Interessanteste, nicht, weil seine geistige Kraft überwiegend der meinigen sich
opponirte, sondern des unwiderstehlichen Hanges wegen nach tiefer religiöser
Befriedigung. Es gehört zu meinen geheimen Inclinationen, dasjenige fördern zu
helfen, was in irgend eines Menschen Natur sich durcharbeiten will, aber nicht
genug eigne Kraft dazu besitzt. Hier trete ich gern mild helfend in's Mittel und
suche durch Wort oder Tat die Schleussen der Natur zu öffnen, um in freiem
Strome das Leben sich austummeln zu lassen. Denn Leidenschaft gehört zum
wahrhaftigen Leben, und ein irdisches Dasein kann nur dann dem Himmel Bürger
erziehen, wenn es sich in Genuss und Tat selbst zu begreifen sucht. Der
Erdenmensch sollte im Stillen zu der Einsicht kommen, dass er in einem gewissen
Sinne mächtiger sein könnte als Gott, weil er aufhören darf, in diesem Dasein zu
leben, sobald es ihm gefällt, Gott aber gebunden wird an Seine Existenz durch
den errungenen Sieg der Unsterblichkeit. In dieser schaffenden Schranke
aufgefasst, könnte man, als Skeptiker, Gott wohl den Diener seiner eigenen
Unsterblichkeit nennen. Eben darum aber, weil Gott als ein Unsterblicher fertig
ist, braucht man ihn nicht zu fürchten. Nur das Werdende bringt Gefahr, ist
aufgelegt zu Revolutionen und muss daher unterstützt werden im Entfalten, nicht
im Vollenden.
    Nach diesem Grundsatze, der bloß ein Ergebniss meiner naturhistorischen
Studien war, indem ich diese nicht als tote Sache, sondern als ein großes Leben
behandelte, dessen Seelenregungen ich belauschen wollte am Tact ihres Pulses, am
Tritt und Klang ihres ewigen Schaffens, suchte ich auch das Leben Anderer
psychisch zu durchfühlen. Ich trieb angewandte Psychologie, wie man angewandte
Mathematik lehrt. Die Menschheit war das große Rechenexempel, an dem ich den
Witz der Schöpfung oft zu Tode zu hetzen Lust verspürte, und der Mensch selbst
diente mir zum Magister Mateseos.
    Nun fanden sich grade in Gleichmut und Friedrich zwei Individuen zusammen,
die in ihrer natürlichen Opposition meine Experimentirlust reizten. Beide wurden
getragen von schwärmerischer Leidenschaftlichkeit. Sie beherbergten viel
europäische Poesie in sich, die aber in Keinem zu rechter Reife gedeihen konnte.
Das erbarmte mich. Tyrannisch in die Brust eines Andern zu greifen und ihm zu
sagen: das steckt in Dir, Mensch! diese Verfahrungsart liebe ich nicht. Semiotik
war von jeher mit Eifer von mir betrieben worden,
