 Sie anfangs kühner,
dann werde ich beim Abschiede zärtlicher sein.« Die Hand war zu weich und warm,
ich konnte dem bösen Kinde nicht zürnen, und an der Tür erhaschte ich doch
einen Kuss. Zum Fenster herab warf sie eine ganz frisch aufgeblühte Lilie mir
in's Gesicht und wollte sich ganz außer Atem lachen, als mir der Blumenstand
in's Auge flog, und mich am Sehen und Gehen eine Zeit lang verhinderte. -
    Der farbige Herbstabend war mild und warm. Wir lustwandelten durch die
Straßen in's Freie hinaus, durch Laubgänge dem Rheine zu. Von Holland herauf war
ein Dampfboot angekommen. Der schwarze Rauch zog in dicken Wolkenwirbeln über
den Strom hin. Es war mit Passagieren überfüllt, die sich am Zoll drängten und
stießen. Unter den Ankömmlingen befanden sich ein paar Mohren, wie es schien,
Diener reicher Amerikaner, deren das Schiff Einige in das alte Europa
herübergetragen hatte. Wir erkannten sie schon von Ferne an ihrer Tracht, nach
der sie Pflanzer vom Missisippi oder irgend einem Nebenflusse dieses Stromes
sein mochten. Ehe wir noch den Hafen erreichen konnten, hatten sich die Fremden
bereits in die Hotels zerstreut. Die Matrosen erhoben ihren eintönigen,
melancholischen Gesang und wogen die Waarenballen aus dem Schiffsraume herauf.
Ich stellte mich mit Oskar auf die Brücke und sah dem geschäftigen Treiben in
stillem Behagen zu. Als es dunkler wurde, ließ sich Friedrich's Geige wieder
hören, die Hafenarbeiter, Schifferknechte und Matrosen begrüßten die
willkommenen Töne mit einem Freudenruf, den Friedrich durch jenes unnachahmliche
Gelächter beantwortete, vor dem die Majestät des Geistes selbst in ihrer
erhabensten Sicherheit noch erschrickt. Der unglückliche Mensch saß wieder auf
dem Krahnbalken, baumelte mit den Beinen und spielte Melodieen, als wolle er
alles Herzeleid der ganzen Welt darin aufgehen lassen.
    »Wie sind Sie doch mit diesem Törichten in nebenbuhlerische Konflicte
geraten?« fragte ich meinen Begleiter, dem des Blödsinnigen Geigenspiel
sichtbar ergriff.
    »Das möchte sich schwer beantworten lassen,« versetzte Oskar. Sie kennen den
alten Steinhuder und sein pietistisches Närgeln und Kopfhängen. Solche Menschen,
selbst halb blödsinnig, haben oft wunderliche Grillen. Steinhuder war mir nie
gewogen, weil ich ihm zu freisinnig, zu menschlich, zu modern bin, und sobald er
meine Neigung zu Lucie entdeckte, begann er zu intriguiren. Nun muss der Zufall
mich noch arm machen, um dem Jämmerlichen eine Stütze für seine Pläne zu geben.
Friedrich schien ihm der geeignetste Mensch für seine Mündel. Er lässt sich
leiten, zu Allem gebrauchen und so erwählte sich der pietistische Geizhals ihn
zum Mann für Lucie.
    »Um des Himmels Willen,« rief ich aus, »besitzt denn Friedrich Vermögen!«
    »Er ist arm wie eine Kirchenmaus.
