 sie so sanft ruhen.« - Käme nun Einer und veranstaltete einen
solchen burschikosen Gottesdienst, so schrien alle Heiligen »Wehe!« schleicht
sich aber der Schalksnarr der Weltgeschichte hinter die Perücke der Kopfhänger
und treibt allerlei seltsame Dinge, so verbietet sich das Zetern von selbst. In
solchen Konflicten erblickt man die Gerechtigkeitspflege der Vorsehung, die gern
im furchtbarsten Ernste eine spasshafte Miene annimmt. Möchten doch unsere
modernen Dichter dies der Weltpoesie ablauschen, die im Leben offen zu Tage
liegt, und deren lebendiger Kommentar die fortschreitende Menschheit selbst ist!
    Eine kleine Weile sah und hörte Oskar dem tollen Treiben ruhig zu, als dem
Gesinge und Getanze aber kein Ende ward, trat er entschlossen zu Steinhuder'n,
schlug ihn derb auf die Schulter und sprach: »Treiben Sie keinen Götzendienst
und schicken Sie augenblicklich diesen blödsinnigen Geiger fort, oder ich zeige
Sie der geistlichen Behörde an.«
    Dies half. Steinhuder'n blieb erschrocken der Mund offen, und Friedrich
spielte sich tanzend selbst zur Tür hinaus, während er mit unaussprechlicher
Vergnüglichkeit hohl in sich hineinlachte. Ich hörte ihn noch auf Treppe, Flur
und Straße spielen, und glaube gewiss, er hat die Geige gestrichen bis in seine
Wohnung am Hafen.
    Lucie, von dem unheimlichen Liebhaber befreit, gab sich jetzt in der ganzen
Natürlichkeit ihres Wesens an Oskar hin. Steinhuder aber begann abermals die
Litanei seiner Secte abzusingen, schwor beim Wundertier in der Offenbarung St.
Johannis, dass Friedrich Luciens Gatte werden solle und Oskar, als ein ketzerisch
gesinnter Freigeist, nie seine Mündel heiraten dürfe. Ermattet von Zorn und
Ärger verließ er endlich das Zimmer, und als Lucie alle nur erdenklichen
Zärtlichkeiten an Oskar verschwendet hatte, befahl sie ihm kurz und bestimmt,
jetzt solle er sich packen.
    Diese Launenhaftigkeit ist bei Lucie so hinreißend liebenswürdig, dass sich
niemand davon beleidigt fühlt. Ohne dieselbe würde das Mädchen matt, gewöhnlich
erscheinen, und nichts Entsetzlicheres für einen Mann von Geist, als eine
gewöhnliche Frau! Die Gewöhnlichkeit allein ist in der Liebe unsittlich, denn
jede ächte Liebe wird als Kind eines genialen Gedankens geboren. Genialität
verträgt immer nur die selbst bestimmte Schranke, wie die Gewöhnlichkeit sich,
um leben zu können, anschmiegen muss an die von fremder Hand gezogene. Darum
liegt das Moralische und Unmoralische von beiden gerade auf der
entgegengesetzten Seite. Natürlich! Von Gott fordert man, was dem Menschen
verboten wird, und das Geniale ist das Göttliche im Menschen. -
    Oskar und ich mussten dem grillenhaften Mädchen nachgeben. Als ich ihre Hand
küssen wollte, schlug sie mir eine sanfte Ohrfeige. »Wol etwa für den tapfern
ritterlichen Beistand, den Sie mir geleistet haben während der frommen
Bänkelsängerei?« sagte sie. »Wenn Sie wieder kommen, sein
