
getretene Frömmigkeit errötet vor nichts mehr. Sie hält für unmittelbare
göttliche Eingebung, was scheinbar ihr heilloses Treiben zu fördern verspricht,
und es gibt nichts so Abgeschmacktes auf Erden, das ein rechter eingefleischter
oder eingeseelter Pietist nicht auszuführen im Stande wäre.
    Der blöde Spieler machte dem reichen Steinhuder eine tiefe Referenz.
Sinnlichkeit lag nicht in seinen Mienen. Das Auge war gebadet in jener düstern
Nebelwelle, die eine sichere Verkündigerin ist des gefangenen Gedankens. Und
dennoch funkelte eine Begeisterungsflamme aus diesem getrübten Himmel, wie
Meteorgeflimmer, wie unsicheres Umherwanken eines Nordscheines. Es war der
letzte Rest der Göttlichkeit, der sich in das trübe Auge rettete, wenn der Ton
die Trauerklage in der besaiteten Violine weckt. Friedrich spielte - keine
Psalmen, keine Kirchenlieder - nein, Dityramben, die den Wahnsinn apoteosirten
und dem Irrtum nutzloser Werkheiligkeit den Staupbesen gaben. Nackt und bloß
unter dem gellenden Gelächter des vergnüglichen Pöbels peitschten die Töne aus
Friedrichs' Geige die seichte Tugendhaftigkeit durch die Welt, bis sie keuchend
niederstürzte und die Menge achtlos über sie hinschritt. -
    Ich weiß nicht, ob Friedrich auch nur dunkel eine Ahnung hatte von dem
Geiste seines Spieles, doch zweifele ich daran. Und dies ist das Unerforschliche
in der menschlichen Seele, dass sie, gemisbraucht und abgestumpft in ihrer vollen
Tätigkeit, doch gern das tiefste Vermögen, womit sie begabt von Natur war, auch
noch beim Versinken in das Gemeine allein in einen sichern Winkel zu flüchten
sucht. Dort baut sie sich an, bildet heimlich und unbewusst an der eigenen
Göttlichkeit und wird nicht selten zum Rächer an dem, was die Veranlassung gab
zu ihrem Ruin. Törichte, geistig schwache, verrückte Musiker sind eine
gewöhnliche Erscheinung. Es ist dies nichts Zufälliges, sondern eine notwendige
Folge der geistigen Konstruction eines durchaus musikalischen Menschen.
Friedrich nun, glaub' ich, hat nur das ihm ganz und allein Ursprüngliche in den
Hintergrund seines Daseins geflüchtet, als Zufälle und Lebensverwickelungen ihm
den hellen allgemeinen Glanz des Geistes verhüllten. Der Blödsinn ward zur
Ironie in seinem musikalischen Menschen, und wenn dieser geschiedene Gott, der
wie auf einem lichten Sterne lebt in der Nacht des übrigen Daseins, sich erhebt;
dann weint er die Trauer um den übrigen verlorenen Menschen hinaus in die Welt,
und scherzt und kos't in tollen Bajazzosprüngen um seinen eigenen Leichnam, ihn
bekränzend mit Küssen und Rosen. -
    Während des Spiels kam Oskar. Friedrich, ohne sein stereotypes Lächeln zu
verändern, drehte sich tanzend mit den knarrenden Teerstiefeln auf der
gebohnten Diele. Lucie lag, einen türkischen Schawl über das Gesicht gezogen,
auf dem Sopha. Steinhuder mit salbungsvollem Blick und gefalteten Händen brummte
den 109 Psalm, dessen Inhalt zu Friedrich's Musik passte, wie ein Faunentanz zu
der Arie »Wie
