 der Träumenden! -«
                                                                 Ende September.
    Gestern erhielt ich Deinen Brief, für den ich Dir eben so herzlich danke,
als Dich beglückwünsche. Ich gestehe gern, dass ich Dich für weniger unparteiisch
gehalten habe, als Du Dich jetzt zeigst. Es liegt aber grade in diesem
Hingerissenwerden zu lauter Anerkennung der Wahrheit das größte Bedürfnis
unserer Zeit. Darum gebe ich Dir vollkommen recht, wenn Du sagst: »Der Irrtum
Gleichmut's würde, allein und aus dem Zusammenhange gerissen mit den Freveln
seines Jahrhunderts, die unerhörteste Gotteslästerung sein, die je gewagt worden
ist. Ein feiger Lügenknecht oder ein bornirter Moralist, den es nie um den
Zusammenhang, sondern immer nur um die Tatsache zu tun ist, würde deshalb das
Anatema aussprechen über einen solchen Menschen. Ich gestehe, dass mein eigenes
Bewusstsein mich kaum freisprechen möchte von einem ähnlichen, harten Urteil,
aber ich bin nicht so verwimmert in den Gebrechen meines Standes, dass ich nicht
herauslesen könnte, wo hier der Grund zur Schuld und wo die Notwendigkeit der
entsetzlichen Sünde liegt. Nur dies spricht Gleichmut frei. Er steht da als ein
Mittel der Ausgleichung; denn er sündigt für die Sühne der Zukunft und
Vergangenheit. Und so nehmen seine Geständnisse durchaus den Rang einer hohen
moralischen Lehre ein. In ihnen enthüllen sich leicht und natürlich die Sünden
eines Jahrhunderts, das sich im Streben zu leichtsinnig abzuwenden beginnt vom
Geiste Christi, weil leider die Masse seiner Stellvertreter keinen Begriff mehr
von ihm hat.«
    So, lieber Ferdinand, drücke ich Dir von Herzen die Hand. Ich erkenne, dass
die Hoffnung noch nicht aufgegeben werden darf. Brächte man nun nur alle oder
doch die meisten Deiner Genossen zu derselben Ansicht, so würde Alles gewonnen.
Änderung dieser oder jener Lehre, ein größeres Freigeben des Denkens in
religiösen Dingen, und vor Allem ein Anerkennen der Entdeckungen des
unparteiisch prüfenden Laien, ist Erhebung und ewige Befestigung des
Christentums.
    Nach diesem Beweise Deiner innigsten Teilnahme an meinen Begegnissen teile
ich Dir von Neuem mit, was sich hier gestaltet. Das Individuelle nimmt die Form
einer Welt an. Zufall und Zusammentreffen von Umständen lassen grade auf meinem
Lebenswege eine Formgebung zu, die anderwärts sehr wahrscheinlich eben so
entschieden herausgetreten sein würde.
    Des blöden Friedrich's Figur tauchte bisher nur in unsicheren Umrissen aus
dem trüben Chaos auf, das sich um mich her bewegte. Erst Gleichmut's Manuskript
stellte diesen Menschen entschiedener hin, ohne mich doch ihm selbst näher zu
bringen. Ich hatte mir vorgenommen, dem Zufalle das Weitere zu überlassen, da
grade diese Person mich am wenigsten fesseln konnte. Denn das Passive, selbst
wenn es durch die Folgerichtigkeit des Nichtstuns sich zum Handeln erhebt, hat
mich niemals angezogen.
    In diesen Tagen nun, durch
