 liegt
das Land der Verheißung im heiligen Schatten des Urwalds gebettet, der es
umfängt und mit den Locken der Hoffnung umschmeichelt, wie eine Mutter ihr
lächelndes, kraftvolles Kind! Dorthin hat sich geflüchtet die Natur, als Europa
sie vertrieb. In der durchsichtigen Flut des Ohio bespiegelt sie sich,
schuldlos, weil sie stark, und fromm, weil sie frei ist. Über ihr aber zittert
das Auge Gottes, und Freudentränen rollen als Welten über ihr hin, und
Amerika's Söhne blicken hinauf zu dem großen Tempel, den der freie Gott in ihnen
gewölbt hat zur allgemeinen Verehrung. Und sie beten arbeitend und arbeiten
betend, und es ist kein Elend unter ihnen, weil keine Armut sie drückt. Sie
sind froh, glücklich, fromm, gläubig, weil die Freiheit den Orden der Menschheit
in sechs und zwanzig silbernen Sternen auf ihre Brust geheftet hat. Die Flagge
ihrer Nation ist das Abbild des Himmels, und es muss sich schön und groß leben
lassen in einem Erdteile, wo der Himmel mild hinzieht über den Scheitel eines
Jeden, und milder und sanfter noch sich wiederspiegelt in dem Herzen eines
Jeden!
    Ich aber bin ein Europamüder, ein protestantischer Gottesgelehrter, der die
Liebe sucht und sie nicht findet, weil fein Land sie verstoßen und entweiht hat
in ihm, wie in Jedem, der Treue gelobt hat der Scholle, die ihn geboren. Nur
eine frische junge Natur, geholt aus Amerika's Wäldern, wie wir entlehnt haben
von dorther die bewegende Kraft des Dampfes - nur eine solche Natur kann Europa
erlösen, und wieder zu Göttern beleben sein geschwächtes und gebrochenes, aber
auch im Sterben noch edles Geschlecht! - Möge es der Reine erleben, ich der
Unreine will sterben in Frieden, wenn mich das Glück Europa's zum
Unglücklichsten der Sterblichen machen wollte. -
                                                                    Gleichmut.«
    Gewahrst Du durch den dämmernden Schleier Deines Auges die Tränenflecken,
die wie die Siegel des Schmerzes dieses Testament eines Herzens unterzeichnet
haben, das dem Henker eines Erdteils zum Opfer fiel? Wenn Du noch Mitgefühl
hast, Raimund, so halte es fest in Dir, denn wahrlich, es ist eine Zeit, über
die Gott Ursache hätte zu trauern! - Und um so entsetzlicher, als nun Tausende
kommen werden, um diese Bekenntnisse zu lästern, gebe ich sie erst der Welt
preis, wie ich gesonnen bin. Warum verschweigen, was ihr die Augen öffnen kann?
Ist nicht Jeder berufen mitzuarbeiten an der Erlösung, die so schüchtern
umherschleicht und nur im Dunste des Mondlichtes noch ungestört um das große
Grab des Lebens zu wanken wagt? Aber ich will nicht schweigen, ich will handeln!
Und Bardeloh soll mir die Hand reichen zum Werke. - Raimund, Du wirst mich nicht
wiedersehen
