 ohne Leidenschaft
lebte. Ich hatte ja keine Sinne mehr, nur der Geist noch tobte in wunderlichen
Sprüngen durch die entweihten Zellen, in denen einst die Göttlichkeit des
Menschen gebetet und geweint, geschluchzt und geküsst hatte von dem ewigen
Christus die welterlösenden Tränen. - Es bedurfte keines halben Jahres, mich
als Teolog auszuzeichnen. Ich ward angesehen, meine lüderliche Gesichtsfarbe
machte mich interessant, der Schmerz um den Verlust meiner Menschenwürde konnte
für die Folge großer Studien gelten. Dass ich unglücklich geworden, weil ich
geboren war in einer Zeit, die vom Christentum nichts gerettet haben will, als
den Namen und die Maske, das wusste freilich nur der Traum, dies Weltgericht
Gottes, das allnächtlich sich einschlich in mein elendes Leben. -
    Ich verlor Mardochai aus dem Gesicht. Als ich zufällig einmal das Bedürfnis
fühlte, mich nach ihm zu erkundigen, erfuhr ich, dass er seit Wochen schon die
Stadt verlassen habe. Friedrich war mit ihm gegangen, man wusste nicht, wohin. Es
war mir gleichgültig. Von Kasimir hörte ich auch nichts mehr. Er, wie Eduard,
waren verschollen.«
    »So stand ich allein, als Ruine eines Menschen, der das Gefühl verloren hat,
aber das Bewusstsein gerettet, um Zeuge zu sein von dem Einstürze einer ganzen
Epoche, eines großen Erdteiles. Ich fand, dass es überall zugehe, wie in mir
selbst. Ich war der Spiegel des siechen Europa, das seine Lüste gebüßt und nur
noch den frivolen Teil des Geistes gerettet hatte, um mit ihm die Blössen des
geschichtlichen Lebens aufzudecken.
    Der Mangel an leidenschaftlicher Kraft machte mich zum stillen Beobachter
und sogar - zufrieden, glücklich! Ein Mensch, wie ich, taugte in dieses Europa;
ich war sein würdigster Bürger. Krank, wie das heilige Land, eine Lebenstrümmer,
wie dieses, frivol witzig, raffinirt, cultivirt, geistig sublim und sinnlich
ohnmächtig, ein zürnender Eunuch, der nur noch tauglich ist zum Beaufsichtiger
der Tugend, die anderwärts eingesperrt wird im großen Harem der Welt. -
    So war ich berufen zum Moralisten. Ich betrieb im Kleinen, was ich eben so
gut in ein en gros Geschäft verwandelt haben würde, hätte sich die Gelegenheit
dazu geboten. Nur so, wie ich jetzt war, konnte ich mich wohlbefinden, mich
fühlen als ein europäischer Mensch. Ich durfte nicht anstehen, in mir einen
Helden zu sehen, den Helden einer Karrikatur der Zivilisation! Wo das Heldentum
zur Hure geworden ist, da kann der Held nur als kraftloser Wüstling ihr
Liebhaber sein. Ich fühlte es, dass ich in dieser Lage wenigstens negativ
beitragen könne zur Erhebung, zur Aufrüttelung des nervenschwachen Geschlechts.
Ich entschloss mich dazu und bildete im Stillen den Entschluss aus zur Tat. Der
sittenlose
