 jetzt an führte. Ich mag nicht verteidigen, was der Taumel aufgeregter Lust
in mir beging; aber ich gewann durch das Zügellose sinnlicher Bewegung doch eine
Freiheit des geistigen Überblickes, die mich selbst überraschte. Durch sie
vergaß ich Druck und Gram schwacher Momente, lernte aber leider die Neue als ein
lebentödtendes Ungetüm auffassen! - In meiner Stellung war dieser Gewinn
offenbar ein Verlust zu nennen; denn er entzweite mich täglich mehr mit dem
Gesetze, dem ich meinen Willen untertänig machen sollte. Nach der gewonnenen
Überzeugung konnte ich diesen Forderungen nicht entsprechen, ohne mir selbst
das Verdammungsurteil zu schreiben. Dennoch sah ich ein, dass die Gegenwart nur
dauern könne, wenn sie in der schlaffen Willenlosigkeit fortgeschoben werde, die
nun einmal Leiterin ihrer Schritte geworden war. Wie schon früher, führte mich
auch dies wieder auf das Spalten des Menschen von dem Diener des gemachten
Lebens. Ich wollte mir selbst, als einem Atom der Gottheit, den Kreis des
Wirkens nicht verengern, aber dem irdischen Zwiespalt geben, was er forderte.
Der Gehorsam in mir sollte Mittel werden, ihn zu vertilgen in der Menschheit.
Ich wollte Teolog sein, um den Menschen zu retten, nicht durch die anerkannte
Heiligkeit der Doctrin, sondern durch ein allmähliges Aufdecken des
Widerspruchs, worin eine menschlich geordnete Wissenschaft mit der freien Kunst
des religiösen Gemütslebens steht. Ein Märtyrer zu werden für die Erlösung
eines Teiles der Gemeinde aus den Fesseln selbst auferlegter Beschränkungen
ward Ziel meines Lebens.
    Die Leidenschaftlichkeit meiner Natur legte mir hierbei tausend Hindernisse
in den Weg. Zum Märtyrer taugt nur ein Schwärmer, wie zum Reformator
Besonnenheit allein und ein fester Charakter befähigen. Ich ging still mit
meinem Leben zu Rate. Anatomisch zerlegte ich jede Faser meines Herzens, prüfte
jeden Gedanken und wog ihn ab mit gewissenhafter Pedanterie auf der Wage des
redlichsten Willens. Ich fand mehr spezifische Schwere in ihnen als äterische
Schwungkraft, und mein Mut wuchs, je lauter die Notwendigkeit einer Änderung
mir aus allen Enden der Welt in die Ohren schrie. Allein Leben, Lust und Reiz
hatten sich schon zu tief eingewühlt in das Mark meiner Seele, als dass eine
heftige und schnelle Scheidung von diesen für mich möglich gewesen wäre.
Außerdem umschlich jeden meiner Schritte ein unheimlicher Geist und maß ihn aus
mit heimtückischem Lächeln, ohne dass es doch in meiner Macht stand, ihm
zuzurufen: Du bist ein Schurke!
    Dieser Geist war Mardochai. Er ließ nicht von mir und umkreis'the mich, wie
mein eigener Schatten. Immer stand er auf der der Sonne entgegengesetzten Seite.
Mardochai besuchte mich, ging in meine Pläne ein, gab vor, selbst wirksam dafür
zu sein und wiederholte unablässig seinen Refrain:« Wollen Sie bleibend wirken,
so müssen Sie zuvor auch jede Gemeinschaft mit irgend
