
wird, was ohne diese Mittelsperson vielleicht sehr schwer zu erlangen sein
möchte. Freilich wird dieser Mensch an eigenen Fäden geleitet werden müssen!
Aber Bardeloh versteht das Versteckspielen und übersieht in seiner Ruhe auch
Geister, die an Schöpferkraft ihm weit überlegen sind.
    Begierig fast geb' ich mich der Zukunft willenlos hin. Ich muss einmal
versuchen, wohin das Folgen führt, wenn es kein knechtisches ist. Wie seltsam
Kasimir schon in der frühesten Zeit den Personen nahe trat und welch furchtbare,
abenteuerliche Rolle er in ihren Lebensschicksalen spielte, dies lehrt der an
Raimund eingeschlossene Brief, in dem sich der Schluss von Gleichmut's
Autobiographie befindet. Lies diese Blatter mit dem Willen, Versöhnung zu finden
auch im Frevel. Wir Alle müssen dies, sonst würden wir uns bald gezwungen sehen,
die Weltgeschichte als eine in's Unendliche hinauswachsende Unmoralität zu
verdammen. Und davor behüte uns Gott und die Heiligkeit unseres eigenen Geistes!
 
                                      10.
                                  An Raimund.
                                                                Bonn, im August.
    Bekenntnisse eines durch Zeit, Menschen, Lehre und Leben Irregeleiteten.
                                   (Schluss.)
    »Es gibt nichts so Seltsames, Unnatürliches, Widervernünftiges, das nicht
durch consequente Skepsis zum Gesetz und dadurch zur Lebensregel erhoben werden
könnte. Äußerlichkeiten bestimmen auch hier viel, wie bei Allem, und übernehmen
das Amt eines Schulmeisters oder Zuchtknechtes. Mir hat mein Lebenlang nicht in
den Sinn gewollt, dass irgend ein Individuum verpflichtet sei, der Willensmeinung
eines andern seine geistige Freiheit zu opfern. Und dennoch strebt unsere ganze
Erziehung darauf hin, die kräftige Gottesnatur möglichst frühzeitig aus uns
herauszutreiben. Die unglückliche Maxime: man muss dem Kinde frühzeitig den
Willen brechen, ist Lebensregel geworden und hat heiligende Gesetzeskraft
erhalten. Wir leben sehr curios, wenn wir Alles tun, was uns von Kindesbeinen
an als Grundsatz vorgepredigt wird.
    Für ein freies, vernünftiges Geschöpf kann es nichts Heiligeres geben, als
sich einen festen Willen zu bewahren. Jedes Titelchen davon, das ihm abgeht, ist
ein Verlust an seiner Gottheit. Wir dürfen, Andern zu gefallen, nichts von
unserm Willen opfern, nur, insofern Beschränkung aus Überzeugung eine
moralische Förderung sein mag, ist es uns anheimgestellt, ob wir uns freiwillig
derselben unterwerfen wollen.
    Es müssen sehr schwache Seelen gewesen sein, die zuerst auf den Gedanken
gekommen sind, mit der Liebe zu verfahren, als sei es eine Ware. Können wir
schachern mit dem Gott in uns? Darf die Erde eine Psalmensängermiene annehmen,
wenn es der Sonne gefällt, einen überschwenglichen Lichtstrom auf sie
herabzugiessen? Es gibt nirgend etwas Uberflüssiges, nur die nackte Armut, der
beschränkte Verstand kann sich ärgern über den Reichtum und Abzugskanäle für
ihn erfinden. -
    Diese Gedanken wurden mir von Tage zu Tage geläufiger in dem Leben, das ich
von
