 mit großer Anstrengung. Ihn konnte das
allgemeine Leid stundenlang bewegen und durch Teilnahme daran von seiner
colossalen Art, zu denken und zu sprechen, abhalten. Kasimir war noch nicht
untergegangen im Stolz auf sich selbst, wozu ihn später die Flachheit der Masse
getrieben haben mag.
    Schon damals hatte Kasimir meinem Gastfreunde viel erzählt von Mardochai,
den er ihm jedoch mehr als eine jüdische Curiosität schilderte. Denn es lag
nicht in Kasimir's Denkungsweise, den Menschen so tief in die Seele zu blicken,
dass er ihr Tun und Wollen genau hätte erkennen sollen. Richard ward durch diese
Schilderung gefesselt. Er erinnerte sich eines fernen Verwandten dieses Namens
und beschloss mit Mardochai in eine engere Verbindung zu treten, um, wo möglich,
durch ihn für die Emancipation der Juden gemeinsame Schritte zu tun. Einen
Antrag, den er dem Dichter machte, ihn zu begleiten, schlug dieser aus, und so
schieden Beide von einander mit dem Versprechen, dass derjenige, welcher zuerst
die Unterstützung des andern bedürfen möchte, diese Kunde davon ungesäumt
entweder brieflich, oder auf dem Wege der Oeffentlichkeit an ihn gelangen lassen
solle.
    Die natürliche Art, sich der Gewöhnlichkeit gegenüber zu benehmen, die
Ausdrucksweise und ein geflissentliches Vernachlässigen aller hergebrachten
Gewohnheiten verdächtigten Kasimir in den Augen Aller. Sein Reiseplan zerschlug
sich; er trieb sich in Deutschland umher, von dem Wenigen, was er besaß, lebend,
und als auch dies endlich aufgezehrt war, liebte er es, sich im Cynismus
auszuzeichnen. Der Anstoß, den er dadurch der feinen Sitte gab, und die Art und
Weise, seine unbegriffenen Gedanken an den Mann zu bringen, brachte die Mehrzahl
zu der Überzeugung, die gesunde Vernunft sei dem wunderlichen Manne abhanden
gekommen. Der Staat fand sich veranlasst, mildtätig aufzutreten, und ließ dem
unverstandenen Kasimir eine Wohnung im Irrenhause anweisen. Ein Jahr und drüber
ergötzte sich der Dichter an den Narren, die ihn umgaben. Er machte Studien an
ihren Physiognomien, notirte ihre Reden und Einfälle und schuf aus diesen und
seinen eigenen ungeheuerlichgenialen Gedanken seine sogenannten »Eingeweide.«
Erst, als ihm der Spectakel zu toll ward und er sich alles Ernstes unter allen
Narren als den Gewichtigsten behandelt und bewacht sah, trieb ihn der Stolz auf
seine geistige Größe zu dem Briefe an Bardeloh, dessen fester Aufenthaltsort ihm
bekannt war. -
    So brachten Zufall und eigentümliche Schicksalsfügung eine Figur in unsern
an sich schon merkwürdigen Zirkel, die gewiss auf die fernere Gestaltung dieser
verworrenen Verhältnisse nicht ohne bedeutenden Einfluss bleiben wird. Ein Glück
war es, dass Bardeloh zuvor Gleichmut's Manuskript lesen konnte. Durch dieses
stieg seine Teilnahme an Kasimir, und ich irre mich wohl nicht, wenn ich
behaupte, dass Richard durch den Dichter manches zum Ziele zu drängen versuchen
