 der Beruhigung
hingegeben, vielmehr stürmt mit lauterem Getöse als je die fremde unbekannte
Welt auf mich ein. Nur das Terrain ist ein anderes geworden. Früher wühlte ich
mich still und verschwiegen in den Gram meines eignen Herzens, und pflegte die
Angst sorgsam wie eine liebende Mutter ihr Kind, jetzt hat sich das Leid des
Allgemeinen mir zu Füßen gestürzt und es sind mir Menschen teuer geworden in
ihrer Qual, denen ich nur verwandt bin durch ein gleiches, menschlich reines
Mitgefühl.
    Ich habe viel erlebt in diesen kurzen drei Tagen. Eine Recapitulation
desselben wird eine heilsame Medizin für Dich sein und mir selbst vielleicht
einen Ausweg zeigen, so bald es gut ist, dieses Labyrinth eines unheimlichen
Lebens zu verlassen. Ihr Friedsamen und in diesem Frieden so Glücklichen seid
mit all Eurer Toleranz ungerechter gegen die Welt, als Ihr meint. Freilich ist
das nicht sowohl Eure Schuld, als die der Zustände, der Verhältnisse. Herz und
Geist des Menschen sind zwei wunderliche Polypen. Sie wachsen und dehnen sich
aus, je öfterer sie verwundet und blutig geritzt werden, aber sie schrumpfen
zusammen und werden eng, wenn sie in steter Sicherheit nur den kleinen Gram
ihres eigenen stillen Selbst zu verarbeiten haben. Will man Gerechtigkeit lernen
und Duldung üben, so muss man die Springflut des jubelnden Lebens eben sowohl,
als das dumpfe Grollen des trauernden, um sich her toben gesehen haben. Ich
fühle jetzt erst, wie erbärmlich wir denken und urteilen in der Sicherheit
unserer kargen Beschränktheit. Diese Enge, dieses ungetrübte Stück des
Friedenshimmels macht uns frivol aus Gutmütigkeit und purem Biedersinn. Gerecht
gegen uns selbst zupft unser Eigendünkel die ewige Weltgeschichte bei der Nase,
und meistert Gott und Schicksal. Es ist nichts so entsetzlich, als ein
musterhaftes Leben in der Stille der Abgeschlossenheit. Darin liegt abermals ein
Grund für unsern Untergang, namentlich für uns Deutsche. Es seufzt keiner mehr
nach der gehäbigen Ruhe des Hauses als der Deutsche; es ist keiner mit größerer
Mühe herauszuhetzen aus seiner Friedenshütte, als abermals der Deutsche. Wo denn
um des Himmelswillen soll Rettung herkommen, wenn der große Sinn für
Allgemeinheit unerschløssen bleibt? Nur Erdbeben, Zusammensturz der
Himmelsdecke, können uns noch ermuntern und durch Vernichtung gegenwärtiger Ruhe
eine schönere Zukunft sichern.
    Von dem Verlauf der Reise von Koblenz bis hierher will ich schweigen. Ich
gedenke noch mehrere Ausflüge zu machen an den Rhein und seine Umgebungen, und
werde dann vielleicht nachholen, was von einigem Interesse für Dich sein dürfte.
- Nur die Ankunft in Köln selbst darf ich nicht mit Stillschweigen übergehen.
Sie war bedeutend, weniger für mich, als für meinen Begleiter Bardeloh, in
dessen Hause ich wohne, wie Du Dir leicht denken kannst. Es schwankt ein
düsteres Geheimnis um die Person dieses Mannes,
