 sich nicht sobald an dem Orte seines früheren
kameradschaftlichen Lebens, als ihm die Jugendlust wie eine verwelkte,
abgerissene Rose an's Herz sank. Eine lebendige Sphinx lehnte er am Fenster und
stierte die bekannten Gassen und Plätze an. Seine Muskeln waren versteinert, das
Gesicht hing wie ein in Falten gebrochener Mumienabzug gelb und nerventodt an
dem fast kahlen Haupte, nur die Augen wühlten - zwei glühende Salamander - in
den tiefen Schädelhöhlen, und höhnend sprang der Gott der Dichtung, als
cynischer Faun gekleidet, um den einsinkenden Altar der Schönheit.
    »Eduard,« rief er, im lindernden Tau der Erinnerung Herz und Auge badend,
»Eduard, Friedrich, Mardochai, Gleichmut! Wo seid Ihr hin? Hat Euch allesammt
die Boaschlange der Zeit gefressen, deren sterngeflecktes Abbild allnächtlich am
Himmel glühend aufrollt? Was taugt eine Erde, die Menschen verschlingt wie Euch
und mich langsam zerreibt, an dem doch jedes Haar ein königliches Szepter ist!«
    »Das Maß ist bald voll,« sagte Bardeloh zu mir gewandt. »Das ist nun ein
Mann, geschieden von allen neuweltlichen Bestrebungen, und doch ist er müde, wie
wir. Es ist ihm gleichgültig, ob Dampf die Welt bändigt und die Wut der
Elemente, oder die Geissel des Vogtes, die Kette der Gewalt. Ihm ist jeder
Schmuck verächtlich, trage ihn nun die Gemeinnützigkeit, oder Eigenliebe und
Selbstsucht. Die Industrie mit ihren vulkanischen Kräften der Bewegung kümmert
ihn wenig. - Der neue Heuchler des Jahrhunderts, der tönende Grossinquisitor
aller Nationen, Gold mit seinem Schergen, dem Eisen, beide die Henker des
menschlichen Herzens, sind ihm so uninteressant, wie zwei Hunde, die nach ihrem
Schwanze laufen - und dennoch liegt der Fluch über dieses Dasein auf seiner
dünnen Lippe giftiger zusammengekrümmt, als in unserm Gemüt. Dieser Mensch ist
Royalist, Monarchist, Absolutist und doch müde Europas - denn in ihm ruft nach
Freiheit der verhungernde Geist eines Dichters! Sein Sie nicht ungerecht,
Sigismund! Der Mann tut mit seinem stammenden Geiste nur, was Gleichmut
vollzog an der Glut seiner Sinne - Beide stutzten sich für diese Welt zurecht
und Beide gehen dabei zu Grunde. Zustutzen macht Karicaturen, keine freien
Menschen.« -
    Es erfolgte eine lange Pause. Ich beobachtete scharf die Figur Kasimir's,
der noch immer regungslos hinabsah auf die belebten Straßen. Es lag viel
Modernes in diesem Dichter. Die ganze dramatische Poesie feierte ihr
Leichenbegängnis in seinem zerlodderten Körper. Es war eine Hekatombe,
dargebracht den Göttern in innerlichem Verbrennen eines großen Menschen.
    »Wie machst Du's denn, Richard,« fragte Kasimir, »dass Dich die Menschen
verstehen, wenn Du schreibst?«
    »Ich lüge.«
    »Bist ein Lump!
